Aleijadinho

Veröffentlicht am 22. Oktober 2009

Am Anfang des 18. Jahrhunderts in die Berge von Minas Gerais umzuziehen, hat dem portugiesischen Baumeister Manoel Francisco Lisboa Glück gebracht. Er wollte sich nicht mit den Goldgräbern herumstreiten, sondern sich irgendwo in einem kleinen Ort niederlassen, um Bauaufträge auszuführen. In dieser neureichen Gegend wurden Kirchen gebaut, prunkvolle Häuser errichtet – dort würde er gebraucht werden. Seine Rechnung ging auf – er war ein Fachmann, nicht so einer wie jene vom Goldrausch besessenen Nichtsnutze. Sogleich wurde er mit der Erweiterung eines Klosters betraut. Und weil er sich einsam fühlte, kaufte er sich von seinem ersten erarbeiteten Geld eine schwarze Sklavin namens Isabel.

Aleijadinho
Matriz de congonhas
MINAS GERAIS - PARTE 3 | Congonhas, Obras do Aleijadinho e Tiradentes
Congonhas - Minas Gerais
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Ihr gemeinsamer Sohn Antônio wird im Jahr 1738 in Vila Rica geboren, dem heutigen Ouro Preto. Er ist ein dickes und ziemlich hässliches Kind und wird von den anderen Kindern in der Schule wegen seiner dunklen Hautfarbe gehänselt.

Das macht ihn aggressiv und aufsässig – seine Mutter kann ihm nicht helfen, sie wird von der weissen Gesellschaft nicht akzeptiert – sein Vater ist ein angesehener aber viel zu beschäftigter Baumeister. In diesem tiefen Zwiespalt der Gefühle wächst das Kind heran und wendet sich schon früh lieber den Besuchern und Auftraggebern seines Vaters zu:

Kirchenbeauftragte, Baumeister, reiche Goldminen-Besitzer, Künstler und Handwerker. Sie alle interessieren und faszinieren ihn mehr als die Nachbarskinder oder die Schule. Sein Vater nimmt ihn schon früh mit zu den Baustellen, dort steigt er herum, lernt bald mit Kelle und Mörtel umzugehen, den Stein zu bearbeiten und Baupläne zu lesen. Und manchmal lässt ihn der Vater sogar den Zeichenstift führen. Und wenn er sich mit den Auftraggebern in eine Diskussion verbeisst, hört der Junge zu, bis ihm die Augen zufallen.

Die Schule wird ihm ein lästiges Übel, viel lieber übt er sich im Atelier seines bewunderten Freundes, des Malers „Manoel da Costa Ataíde“, in der Führung des Pinsels und in der Kombination von Farbtönen – diese Dinge lernt er schnell und sie nehmen ihn so gefangen, dass er die Zeit und die Welt um sich herum vergisst.

Schon als Jugendlicher entwirft er sein erstes Werk, einen Brunnen für den Vorgarten eines Gouverneurs. Sein mit Aufträgen überlasteter Vater braucht ihn als Assistent – er darf sich sogar selbst an Entwürfen versuchen – und legt sein ganzes jugendliches Temperament mit hinein: mehr Plastizität, mehr Schwung in den Bögen, tiefere Reliefs. Er verändert sogar traditionelle Linien in jugendlicher Unbefangenheit.

Hat er keinen Auftrag des Vaters vor sich, übt er sein Formgefühl an Figuren aus Zedernholz, oder an den Details eines Chorgestühls aus schwarzem Jacarandá. Schon im Alter von zwanzig Jahren erkennt man seine „Handschrift“ an den Heiligenfiguren – sie sind nicht erstarrt, sondern scheinbar in Bewegung und ihr Gesichtsausdruck ist warm und liebevoll – Details aus der Hand eines Meisters.

Der Franziskaner-Orden gibt seinem Vater in Vila Rica endlich eine ganze Kirche in Auftrag. Das wird die Gelegenheit für Antônio, sich mit ihm zu messen – 28 Jahre ist er jetzt alt. Leicht fliegt sein Stift über das Pergament – sein Vater ist von dem Grundriss begeistert – die Franziskaner auch.

Es wird seine erste grosse Schöpfung, sein Werk, in dem der Vater lediglich die Rolle des Verhandlungspartners mit den Auftraggebern spielt. Dieser Erfolg sichert ihm die Mitarbeit vieler berühmter Künstler und vor allem ihren Respekt und die Achtung, nach denen er sich sehnt.

Es folgt eine Periode fast hektischer Schaffenskraft – unablässig ist er mit seiner Kutsche unterwegs – kaum eine Kirche in Minas, an der er nicht als Bildhauer, Baumeister oder wenigstens Berater mitgearbeitet hat. Er reist nach Rio und São Paulo – überall dorthin, wo bekannte Kunstwerke zu finden sind, um sich weiterzubilden. Und kehrt immer wieder an seinen Geburtsort Vila Rica zurück, um sich mit seinem liebsten Werkstoff zu befassen, dem Seifenstein. Sein Ideal ist die vollendete Schönheit, geradezu leidenschaftlich verfolgt er die ästhetische Perfektion in seiner Arbeit, wie um seine eigene Unansehnlichkeit zu überwinden. Im Streben nach künstlerischer Vollendung, die seiner Seele Ausdruck geben soll, entfernt er sich immer mehr vom Barock europäischer Prägung – er will mehr Kraft und noch mehr Ausdruck. Den Kirchen, die kein Geld haben, vermacht er seine Werke für ein „Vergelt’s Gott“!

Er arbeitet zeitweise wie im Fieber – und kurz vor Vollendung seines vierzigsten Lebensjahres beginnt sein dramatischer Verfall. Unerwartet wird er krank – unheilbar krank – Lepra, stellen die Ärzte fest. Seine Schwiegertochter Joana berichtet: „Sein Gesicht nahm einen entstellten, abstossenden Ausdruck an, jeder, der ihn ansah erschrak unwillkürlich und wurde sofort Opfer seiner zynischen Bemerkungen oder des offenen Zorns. Seine Finger und Zehen faulten ab, ausser den Daumen und Zeigefingern.“

Zur Besichtigung einer Baustelle muss er sich jetzt von zwei Sklaven aus der Kutsche heben lassen, die ihn auf ihren Schultern tragen, über das entstellte Gesicht hat er sich einen Sack mit Sehschlitzen gestülpt. Arbeitet er persönlich vor Ort an einem Werk, binden ihm die beiden Sklaven, Maurício und Agostinho, die Werkzeuge an seinen Armen fest. Und noch einmal arbeitet er verbissen, legt in sein Werk alle Anmut und sehnsuchtsvolle Ästhetik, derer seine feinfühlige Seele fähig ist, um das Elend des schmachtenden Körpers zu besiegen.

Überall nennt man ihn nur noch „Aleijadinho“ – Krüppelchen, was aus brasilianischem Mund keine abwertende Bezeichnung sein soll, sondern eher eine treffende, durch den Diminutiv „inho“ sogar respekt- und liebevoll aufgewertet. Sein richtiger Name gerät beinahe in Vergessenheit. Da seine Freunde ihn verlassen haben, sucht er Trost in der Bibel und findet in ihr seine neue künstlerische Inspiration.

Die persönliche Interpretation biblischer Themen, dargestellt durch seine meisterhafte Schnitztechnik, wird Inhalt seines neuen Lebensabschnitts – der, wie die Kritiker festgestellt haben, geprägt von der unbarmherzigen Krankheit, noch vollkommenere Werke hervorgebracht hat, als die Jahre davor.

Auf den Schultern seines riesigen Sklaven Januário kauert er wie ein grosser, dunkler Vogel und lässt sich zur Baustelle tragen, den Kopf stets verhüllt. Mauricio und Agostinho, die andern beiden Sklaven, hat er zu seinen Schülern gemacht. Sie assistieren ihm, führen auch mal ein Stück ganz allein aus, befestigen und wechseln seine Werkzeuge an den Armen, bringen ihm zu essen und zu trinken und lassen seine sporadischen Wutanfälle über sich ergehen, wenn ihm etwas missfällt. Dafür werden sie vom Meister gut bezahlt.

Duftendes Zedernholz und nachgiebiger Seifenstein sind definitiv seine Lieblingsmaterialien. Im kleinen Ort „Congonhas do Campo“ arbeitet er mit seinen beiden schwarzen Schülern an seinem Lebenswerk – dem Leidensweg Christi – sechsundsechzig lebensgrosse Figuren aus bemaltem Zedernholz, zusammengestellt zu sechs verschiedenen Szenen aus der Passionsgeschichte. Antônio ist über sechzig, als er das Werk vollendet. Über zwanzig Jahre ist seine Seele nun schon in diesem unwürdigen Körper eingekerkert. Aber sie hält ihn am Leben – ihre Inspiration gibt ihm immer wieder neue Kraft, seine gelungenen Werke spornen ihn an – zum nächsten Werk. Es ist wie eine Droge.

Noch fühlt er in sich genug Kraft, um seinen letzten grossen Traum zu verwirklichen: die zwölf Propheten, lebensgross in Seifenstein geschnitten – und die will er vor der kleinen Wallfahrtskirche in „Congonhas do Campo“ aufstellen. Er spürt, dass sein Sehvermögen nachlässt, also muss er sich beeilen.

Die Ruhe, Würde und Weisheit ausstrahlenden Figuren werden aus drei Meter hohen Seifensteinblöcken herausgeschnitten. Zusammen mit seinen beiden Schülern arbeitet Antônio von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Der schwarze Riese Januário assistiert ebenfalls – muss den Meister auf das Gerüst heben und dort anschnallen, wenn er an den ausdrucksstarken Köpfen arbeitet. Ihre Darstellung soll mehr sein als nur vollendete Form – er will ihre Weisheit ausdrücken. Er möchte den Tausenden Pilgern, die jährlich im September den Hügel belagern, mitteilen, was ihm trotz seiner unbarmherzigen Einsamkeit Kraft zum Leben gibt. Es scheint als wolle er sich selbst neu gestalten, von der Erhabenheit, die er seinen Figuren einzugeben imstande ist, selbst ein bisschen zehren, wenigstens während seiner Arbeit an ihnen. Ihr Äusseres soll die Seele widerspiegeln, ihre dynamische Erscheinung die innere Grösse ankündigen – seine Grösse.

Einer der Blöcke ist schlecht befestigt – fällt um und erschlägt Maurício. Nur mit viel Mühe kann er den über dieses böse Omen erschrockenen Agostinho beruhigen – zusammen vollenden sie das Werk im Jahr 1802. Sie sind sein letztes, sein grösstes Geschenk an die Menschheit und sie stehen noch heute unverändert, jeder an seinem Platz, den ihnen der Meister zugedacht.
Jeremias, Hesekiel, Jesaja und Daniel, Habakuk, Nahum, Joel, Hosea, Jonas, Amos, Obadja und Baruch. Ihr steinerner Blick schweift wissend und gütig über die kleine Stadt und das Hügelland von Minas Gerais.

Zurück in „Vila Rica“ verlässt Agostinho seinen Lehrer und Meister wegen einer Auseinandersetzung um Geld. Aufträge kommen keine mehr rein, die Welt um Aleijadinho dreht sich ohne ihn weiter und vergisst ihn. Selbst seine wenigen Familienangehörigen haben sich vor seinem beissenden Spott und seinen Wutausbrüchen zurückgezogen. Das Genie in einem verfaulenden Körper erreicht niemanden mehr. Seine letzten Jahre verbringt er fast bewegungsunfähig und blind – der treue Januário kümmert sich um ihn, kocht für ihn und hält ihn sauber. Vor dem Bild Christi fleht der hilflose Krüppel um die Gnade „endlich seinen erhabenen Fuss auf ihn setzen zu wollen“.

Im Jahr 1814 wird dieser letzte und vielleicht grösste Meister des Barock aus seinem verstümmelten Körper erlöst. Antônio Francisco Lisboa stirbt in Vila Rica im Alter von 84 Jahren. Die Botschaft seines unvergleichlich grossartigen Werkes ist erst nach seinem Tod gehört worden, aber ob wir sie tatsächlich verstanden haben?