Kolibri von Espirito Santo

Veröffentlicht am 21. Oktober 2009

Haben Sie gewusst, dass es von diesen Vogelzwergen rund 350 Arten gibt, mit 770 Subspezies? Und, dass sie nur in Amerika vorkommen? Und, dass Espirito Santo der Bundesstaat mit den meisten Kolibri-Arten pro Quadratkilometer ist?

Sie sind die wichtigsten Pflanzenbestäuber aus der Vogelwelt Südamerikas – und von allen Pollenträgern sind sie die einzige Verbindung zwischen weit voneinander entfernten Pflanzengruppen – eine Art genetischer Postboten. Sie besitzen ganz aussergewöhnliche Flugeigenschaften, mit besonders ausgebildeten Flügeln.

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Einige Arten erreichen damit neunzig Flügelschläge pro Sekunde und eine Fluggeschwindigkeit von 60 km/Std. Ihre Hyperaktivität verlangt nach Nahrungsaufnahme innerhalb kurzer Abstände – etwa alle 15 Minuten. Sie ernähren sich von Blütennektar und kleinsten Insekten. Die Kolibris sind die einzigen Vögel mit einem Rückwärtsgang – will sagen: sie können nach rückwärts fliegen – und sich sogar propellerartig um die eigene Achse drehen.

Ihr Herz schlägt in einem Rhythmus von 2000 Vibrationen pro Minute. Ihre Körpertemperatur liegt bei 42º C und fällt während der nächtlichen Ruhezeit auf 32º C oder weniger – sie fallen dann in eine Art vorübergehende Schlafstarre. Ihre Farben werden erst in der Lichtreflektierung voll sichtbar, sie haben besondere Bedeutung in Relation auf das Territorium, die Mimikry, als Warnsignal und in der intersexuellen Beziehung.

Der grösste Experte weltweit für Kolibris war „Capixaba“ – ein Bürger von Espirito Santo, der als Sohn italienischer Emigranten in „Santa Teresa“ geboren wurde – Augusto Ruschi (1915-1986). Aber nicht nur Kolibris, sondern viele andere Tiere und Pflanzen studierte er im Lauf seines Lebens und wurde ein glühender Verfechter des Umweltschutzes – einer der ersten in Brasilien.

Er schrieb unter anderem eine vielbeachtete These über „Ökologische Reservate“, die anhand eines der ersten internationalen Kongresse über das Waldsterben, im Jahr 1951 in Rom, in ganz Europa Verbreitung fand. Diese These verteidigte, summa summarum, den Schutz bio-genetischer Reserven von Spezies der Natur, die andernorts vom Aussterben bedroht waren, innerhalb von extra dafür geschaffenen Naturschutzgebieten. Kurz darauf, noch im Anfang der 60er Jahre, bemerkte man weltweit eine Sensibilisierung in dieser Richtung – überall wurden Landschafts-Schutzgebiete eingerichtet.

Hier in seiner Heimat begann Ruschi die Diskussion über die Schädigung der Ökosysteme durch chemische Pflanzenschutzmittel, als er nach einer solchen Anwendung persönlich den Tod von Vögeln und Insekten beobachtete. Er publizierte verschiedene Arbeiten über dieses Thema und war der erste, der die hiesige Gesellschaft auf die Gefahren des DDT aufmerksam machte.

Augusto Ruschi hat mehr als 450 wissenschaftliche Werke herausgebracht, teilweise von internationalem Renomée – zwei seiner bekanntesten sind: „Aves do Brasil“ (Vögel Brasiliens) und „Beija-Flores do Espirito Santo“ (Blumenküsser von Espirito Santo). Darüber hinaus sind Bücher über Orchideen, Fledermäuse, Affen und viele Werke mit Lösungsvorschlägen für Probleme mit der Umwelt in verschiedenen Regionen Brasiliens, erschienen.

Seine bevorzugten Studienobjekte sind allerdings die Kolibris geblieben – oder wie er sie am liebsten nannte: die Blumenküsser. Er investierte sämtliche freie Zeit seines Lebens in ihre Beobachtung und hatte sich dafür in einem kleinen Häuschen, inmitten eines geschützten Bestandes von Atlantischem Regenwald, in seiner Heimatstadt Santa Teresa, eingerichtet. Das Reservat „Santa Lúcia“ stand unter der Protektion des National-Museums und war bekannt unter dem offiziellen Namen „Estação Biológica do Museu Nacional“.

Hier hatte Ruschi Tausende von Orchideen katalogisiert und 20.000 Bäume nummeriert und mit Identifikations-Plaketten versehen. Das Gebiet wurde eine der weltweit reichsten Regionen an Epiphyten. Alles erarbeitet von Ruschi während mehr als 40 Jahren persönlicher Widmung, und vehement verteidigt, indem er niemals erlaubte, dass man auch nur einen Ast von einem der Bäume abschnitt oder auch nur eine einzige Pflanze entfernte!

In diese Idylle platzte die Nachricht, im Jahr 1977, dass der Gouverneur von Espirito Santo einen Erlass unterzeichnet habe, der die Einrichtung einer Palmitokonserven-Fabrik innerhalb des Reservats von „Santa Lúcia“ vorsah – das Palmmark sollte aus dem Reservat selbst extrahiert werden. Ruschi empfing die Kontrollbeamten der Regierung, die eine erste Aufstellung innerhalb des Reservats vornehmen wollten, mit einer Schrotflinte in der Hand und sagte ruhig: „Hier nicht! Wenn Ihr nur einen einzigen Schritt weiter tut, strecke ich euch definitiv nieder. In Verteidigung der Natur bin ich fähig zu töten oder selbst zu sterben“! Und da halfen auch keine weiteren Argumente der erschreckten Beamten.

Ruschi schickte sie zurück zum Gouverneur mit folgender Nachricht: „Ihr könnt direkt zum Palast zurückgehen und den Gouverneur warnen – entweder lässt er ab von dieser Idee, oder ich begebe mich morgen früh dorthin, um ihn persönlich umzubringen, im Palast“!

Der Gouverneur alarmierte die Staatspolizei und Ruschi die nationale und internationale Presse. Die kleine Stadt Santa Teresa wurde von Journalisten überschwemmt, die im ganzen Land den dramatisch realistischen Appell von Ruschi verbreiteten, das Reservat zu beschützen. Und es hagelte Hunderte von begeisterten Zustimmungen aus aller Welt – und der Governeur zog seine Absichten zurück – das Reservat „Santa Lúcia“ war gerettet. Der Moment war gekommen, wo das Werk Ruschis sich über seine Bücher hinaus erhob, um in die öffentliche Meinung einzudringen und Symbol gegen die Vergewaltigung der Natur zu werden.

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Weiterhin gelang es Ruschi noch viele Male, zu verhindern, dass grosse Waldareale abgeholzt wurden – bei dieser Gelegenheit sagte er, dass er den Rest seines Lebens für diesen Kampf gegen die Zerstörung der Natur gerne opfern würde. Und er hat Wort gehalten.

Für seine wissenschaftlichen Studien führte er 259 Reisen in alle Teile der Welt durch – von Patagonien bis Alaska – und registrierte fein säuberlich alle seine Beobachtungen über die Natur, die Tiere und die Pflanzen, sowohl mit dem Stift als auch mit der Kamera.

„Sie holzen Wälder ab ohne sich zu fragen, was da alles drinsteckt! Niemand interessiert sich für die Tausende von Tieren, Hunderttausende von Insekten und Pflanzen, die sein Gleichgewicht ausmachen. Das natürliche Gleichgewicht ist eine sehr komplexe Sache, wo manchmal das Fehlen eines einzigen Elements unwiderruflichen Schaden anrichtet. Und es ist nur der Mensch, der stört und Ungleichgewicht verursacht“ – Worte von Ruschi.

Seine Empörung nahm mit demselben Mass zu, wie die Angriffe auf die Umwelt. Dauernd stellte er sich Autoritäten in den Weg, multinationalen Firmen und selbst der Justiz, um die Regenwälder oder ökologischen Reservate zu verteidigen. Und sagte auch einmal: „Erst stirbt der Wald und dann der Mensch“!

Augusto Ruschi wurde am 5. Juni 1986 zu Grabe getragen – dem weltweiten „Umweltschutz-Tag“. Er starb überzeugt, dass die einzige Chance menschlichen Überlebens in einer radikalen Verhaltensänderung des Menschen gegenüber seiner Umwelt liegt. Aber sämtliche Anstrengungen sind vergebens, wenn man die Wichtigkeit des Naturschutzes nicht schon den Kindern von heute in den Schulen beibringt: „Man lehrt an den brasilianischen Schulen keine Ökologie, obwohl es ein Gesetz gibt, das diese Materie vorschreibt. Solange man die Kinder nicht in dieser Richtung erzieht, wird die Bedrohung der brasilianischen Natur weiter bestehen“!

Augusto Ruschi ist tot, aber sein Kampf wird von seinem Sohn André weitergeführt, der den Vater während vieler Jahre bei seiner Arbeit begleitet hat.

André widmet sich besonders der Entwicklung von Theorien und Methoden zur Umweltschutz-Erziehung von Kindern. Dafür hat Vater Ruschi 1970 die „Estação Biologica Marinha Ruschi“ gegründet. In der Arbeit seines Sohnes André findet sich die Essenz aus der Arbeit des Vaters: eine profunde Liebe zur Natur – ein Studium, das stets „in loco“ durchgeführt wird – und der alles übertreffende Wunsch, beizutragen zur notwendigen menschlichen Verhaltensänderung gegenüber der Natur – um zu überleben.

nach obenAUGUSTO RUSCHI

  • „Die Zahl der Menschen auf der Erde wird nicht durch die Gesetze des Menschen bestimmt werden, sondern durch die Gesetze der Natur“.
  • „Die Leute werden antworten: Im richtigen Moment wird der Mensch neue Quellen zur Ernährung schaffen. Aber was weisst Du darüber – und was weisst Du über den richtigen Moment“?
  • „Und andere sagen einfach: Nach uns die Sintflut!!! Ganz gewiss – genau die Sintflut. Und ist es nicht so, dass wir gerade deshalb, weil wir die Sintflut voraussehen, uns an die Leute wenden, um uns zu helfen, sie zu verhindern“?

Anmerkung
Dies sind Gedanken und Projekte, mit denen wir uns voll und ganz identifizieren. Bitte treten Sie mit uns in Verbindung, wenn Sie eine ökologische Führung in Espirito Santo wünschen, die wir dann gerne in die Wege leiten.

Aus der Arbeit von Augusto Ruschi:

nach obenDIE BLUMENKÜSSER

Die Kolibris oder Blumenküsser sind Vögel aus der Familie der Trochilidae und werden exklusiv auf dem amerikanischen Kontinent angetroffen: mehr als 350 verschiedene Spezies und zirka 770 Subspezies, mehrheitlich in den Ländern: Kolumbien, Brasilien, Peru, Venezuela und den Guyanas. Grösste Anzahl von Arten pro Territorium: der Bundesstaat Espirito Santo in Brasilien, mit 42 Arten und Unterarten auf einer Fläche von 45.000 km².

Fluggeschwindigkeit
Die Spezies aus dem „Cerrado“ und den brasilianischen „Campos Gerais“, Heliactin cornuta erreicht 60 km/Std.

Flügelschlag
Die brasilianische Spezies Caliphlox amethystina erreicht 90 Schläge pro Sekunde – grössere Arten haben eine geringere Frequenz.

Grösster Kolibri
Ist der Patagona gigas aus Kolumbien, mit mehr als 15 cm Körperlänge. Aber er ist auch der mit den langsamsten Flügelschlägen: 2 pro Sekunde.

Kleinster Kolibri
Ist der Lophornis magnificus aus dem in Bergregionen gelegenen Atlantischen Regenwald Brasiliens – mit 1,2 Gramm Gewicht. Es gibt in den USA eine Spezies mit mehr Gewicht, aber ein paar Millimeter kleiner.

Ernährung
Blumen- und Blüten-Nektar mit einem Zuckergehalt zwischen 18% bis 29%, kleinsten Insekten und kleinsten Aracnideae (Spinnen). Der Vogel hat einen kontinuierlichen Energiebedarf, was ihn veranlasst, sich 4 bis 5 Mal pro Stunde zu ernähren. Seine Nahrungsaufnahme pro Tag erreicht etwa das Dreissigfache an Eigengewicht! Bevorzugte Pflanzen sind Bromelien und Blüten von orange bis roter Farbe mit Nektar.

Vorkommen/Höhe
Der Oreotrochilus chimborazo, in Ecuador, kommt in 4.500 m Höhe vor – am Berg „Chimborazo“.

Fortbewegung
Nur per Flug – ihre Flügel sind, im Vergleich zu anderen Vögeln, an ihrem äusseren Ende modifiziert. Sie benutzen die Füsse nur, um sich an einem Zweig festzuhalten, das heisst: sie laufen niemals damit auf dem Boden entlang.

Lebenszeit
In der freien Natur zwischen 6 bis 8 Jahren – in Gefangenschaft, ohne Gefahr von Beutemachern, können sie bis zu 16 Jahre alt werden.

Entwicklungszeit der Brut im Ei: 3 Wochen
Dauer der Aufzucht der Jungen: 3 Wochen
Anzahl der Jungen pro Jahr: 2 Stück.

Ruhezeit
Bei Nacht, um Energie zu sparen gehen sie in eine Schlafstarre über – reduzieren die Körpertemperatur von 42º auf 32º C – die Herzschlagfrequenz sinkt von 2000 auf 40 Schläge pro Minute.

Brautwerbung
Immer vom männlichen Vogel initiiert, mit phantastischer Präsentation des Gefieders, phantastischen Flugfiguren und Gesang.

Lebensraum
Hängt ganz von der Spezies und der Art des Ökosystems ab – kann variieren zwischen 1 km² und 100 km² pro Vogel.

In der „Estação de Biologia Marinha“, im Küstenort Santa Cruz, 65 km von der Hauptstadt Vitória entfernt, setzt André Ruschi die Arbeit seines verstorbenen Vaters fort. Hier hat er für seine Studien 21 Hektar Atlantischen Regenwald und noch 60 Hektar, die der Marine gehören, zur Verfügung. Hier gibt es Lehrpfade durch die Restinga, die Mangroven und den Regenwald. Man kann hier sogar in Gemeinschafts-Quartieren übernachten, und es ist möglich im Gelände Zelte aufzustellen.

Es gibt allerdings Kolibri-Arten, die niemals in Küstengebieten anzutreffen sind, sondern nur in Bergregionen – also zum Beispiel in „Santa Teresa“, der Bergheimat von André.