Kulturelles aus Paraná

Veröffentlicht am 24. Oktober 2009

Der Bundesstaat Paraná hat zwei Natur-Symbole, welche die Kinder spätestens in der Schule kennen lernen, falls sie nicht bereits durch ihre Eltern mit ihnen bekannt gemacht worden sind. Das eine Symbol ist ein Baum, der typisch für die südliche Landschaft ist – das andere ist ein Vogel, der sich gerne in dem bewussten Baum aufhält, sich von seinen Früchten ernährt und auch für deren Verbreitung sorgt – fast eine perfekte Symbiose, wenn, ja wenn da der Mensch nicht wäre, der einzige Störfaktor in der Perfektion der Natur!

nach obenPINHEIRO (Araucaria angustifolia)

[flickr tags=“Araucaria angustifolia“]Ein Baum, der jedem Besucher Südbrasiliens sofort auffällt, seine imponente Grösse und Eleganz des Wuchses, man wird an einen riesigen vielarmigen Leuchter erinnert, wenn man zum ersten Mal eine der majestätischen Araukarien aus der Nähe sieht. Sie erreicht zwischen 20 bis 40 Metern Höhe, der zylindrische Stamm 1 bis 2 Meter Durchmesser – nur selten ist der Baum in den unteren Bereichen verzweigt. Ab März beginnt die Reifung der Pinhas (Pinienzapfen), deren Pinhões (Kerne) bei Mensch und Tier gleichermassen beliebt sind. Zahlreiche Wildtiere, wie Elstern, Eichhörnchen, Igel, Wildschweine, Agutis, Pacas u.a. ernähren sich von ihnen.

Von dem Bestand an Araukarien-Wäldern, die so charakteristisch für den Süden sind, und die den Bundesstaat Paraná einst auf einer Fläche von 73.780 km2 bedeckten, sind nur noch zirka 8% übrig geblieben – der Baum ist ernstlich vom Aussterben bedroht. Zwei am Anfang des 20. Jahrhunderts simultan auftretende Faktoren haben zu dieser Dezimierung beigetragen: die Entdeckung des wirtschaftlichen Wertes der Araukarie und die Entwicklung der Kaffee-Plantagen. Beide sind verantwortlich für das Verschwinden von 2/3 des gesamten paranaensischen Waldbestands! Glücklicherweise hat man den Ernst der Stunde endlich erkannt, der Paranaense ist aufgewacht und betreibt nun Kampagnen, Wiederaufforstung und andere Anstrengungen, um seinen Symbol-Baum zu retten.

nach obenGRALHA-AZUL (Cyanocorax caeruleus)

[flickr tags=“Cyanocorax caeruleus“]Ein Vogel aus der Familie der Corvideae, kommt in Mittel- bis Südbrasilien vor und erinnert stark an die europäische Elster. Der Vogel erreicht eine Länge von 39 cm, wenn das Licht in einem bestimmten Winkel auf das Rückengefieder fällt, leuchtet es in einem Himmelsblau-Ton. Kopf, Hals und Brust sind schwarz, die Federn am Vorderkopf sind etwas aufgestellt, wie zu einem Toupet, der Schnabel ist kräftig und der Schwanz fächerartig und relativ lang. Die Vögel pflegen sich in Gruppen in den Kronen der Araukarien aufzuhalten. Dort picken sie die reifen Zapfen an – fressen den einen oder anderen Samenkern, während die Mehrzahl auf den Boden fällt und dort wieder keimt. Nach Meinung der Bauern des Südens „pflanzt“ die Gralha-Azul den Samen der Araukarie – und damit haben sie gar nicht so unrecht, denn der Vogel pflegt kleine Vorräte der Kerne an bestimmten Stellen anzulegen, die er dann vergisst – und so keimen diese Kerne innerhalb des Mooses oder dem Xaxim (Dicksonia Sellowiana), in dem sie versteckt wurden. In viele Legenden verwoben, ist die Gralha-Azul ein Symbol, das vom Gesetz geschützt, wesentlich zur Wiederaufforstung des Bundesstaates Paraná beiträgt.

Legende
Es gibt in Brasilien verschiedene Arten von Gralhas: schwarze, graue, weisse, blaue, mit gelber Brust, und andere. Aber nur die Gralha-Azul (Cyanocorax caeruleus) ist die natürliche Verbreiterin des symbolischen Baums von Paraná, der Araukarie (Araucaria angustifolia). Ursprünglich war der Vogel grau, wie die Mehrheit seiner Spezies, und jeden Tag richtete sie ihre Bitte, in aller Bescheidenheit an den lieben Gott: „Herr, ich weiss wohl, dass ich nichts wert bin – mache nichts weiter als Lärm und fresse die Früchte der Plantagen. Ich würde mich gern nützlich machen – irgendwie“! Nachdem er die Bitte vernommen, legte unser Schöpfer dem Vogel einen Pinhão auf den Weg, den dieser mit seinem Schnabel ergriff und gegen einen Baumstamm hämmerte, bis die Schale aufsprang. Ein duftender Kern kam zum Vorschein, den die Gralha in zwei Hälften teilte – die eine verspeiste sie mit Appetit, und die andere versteckte sie in einer kleinen Vertiefung unter dem Moos des Waldbodens. Als dann die Feuchtigkeit in den Kern eindrang, fing er an zu keimen – ein kleiner Pinheiro wurde geboren.

Und die Gralha freute sich über die Nahrung, die Gott ihr gegeben und versah mit Enthusiasmus ihre nützliche Arbeit, die er ihr übertragen – immer, wenn sie einen Pinhão fand, verzehrte sie den einen Teil und pflanzte den andern – und so verbreiteten sich die Pinheirais (Pinien-Wälder) über ganz Paraná. Und der liebe Gott sah die Arbeit des kleinen Vogels, fand sie wohlgetan und gab ihrem grauen Gefieder, zum Dank, die Farbe seines himmlischen Mantels.