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Warmer Regen über dem Abgrund – die gigantischen Wasserfälle des Rio Iguaçu

Veröffentlicht am 24. März 2010

Sie sind nach Rio de Janeiro das beliebteste Urlaubs- und Ausflugsziel in Brasilien: die majestätischen Wasserfälle des Rio Iguaçu im Dreiländereck Brasilien, Argentinien und Paraguay. Obwohl über 1.000 Kilometer von São Paulo und rund 1.500 Kilometer von der Copacabana gelegen, zieht es trotz der Entfernung jährlich Millionen Touristen in den Iguaçu-Nationalpark. Denn dieses rauschende Spektakel mit der donnernden Gischt muss man einfach einmal leibhaftig gehört, gesehen und gespürt haben.

Dietmar Lang vom brasilien Magazin lebt im Bundesstaat Paraná ganz in der Nähe dieser atemberaubenden Naturschönheit und hat dadurch natürlich das Privileg, regelmäßig am Ende des Besuchersteges eine erfrischende Dusche über dem Abgrund zu genießen. Als „Experte“ für die mächtigen Cataratas do Iguaçu stand er uns nun exklusiv ausführlich Rede und Antwort.

Hallo Herr Lang, mal ganz ehrlich: Lohnt sich da ein Besuch an den Wasserfällen?
Unbedingt. Es ist immer wieder ein Erlebnis. Man muss sich die Dimensionen erst einmal richtig verinnerlichen. Auf 2.700 Metern stürzen 275 einzelne Fälle bis zu 70 Meter in die Tiefe. Das ist ein gigantisches Spektakel, man muss dort gewesen sein, man muss es mit allen Sinnen genießen. Und dann gibt es ja in unmittelbarer Nähe noch den Urwald zu erforschen bzw. den Itaipu-Staudamm oder den Markt in Paraguay zu besuchen. Redaktion: Nun liegen die Wasserfälle ja schon etwas abseits der Touristenhochburgen wie Rio oder Salvador… Lang: Foz do Iguaçu IST eine Touristenhochburg. Und in Brasilien sogar die beliebteste nach Rio de Janeiro. Dementsprechend ist natürlich auch die Infrastruktur. Man mag zwar im Hinterland sein, doch hier ist alles super organisiert. Die Verantwortlichen haben ganze Arbeit geleistet, sei es in Bezug auf Sicherheit, Hotels und andere Ausflugsmöglichkeiten. Im Internet gibt es jede Menge Infos, alles ist sehr transparent. Man kann also auch aufs grate wohl dort hin fliegen und ein paar unvergessliche Tage genießen. Und wenn man ein bisschen schaut, dabei auch noch Geld sparen. Zudem wird entgegen anderen Landesteilen überraschend viel Englisch gesprochen. Foz ist wirklich gewappnet, internationale Touristen zu empfangen.

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Wie muss man sich denn so einen Besuch dort vorstellen?
Die Wasserfälle sind ja von zwei Seiten aus zu besichtigen, von Brasilien und Argentinien. Der Rio Iguaçu ist ja der Grenzfluss, die beiden Länder teilen sich also die Attraktion. Beides Mal muss man zunächst in den jeweiligen Nationalpark, ein großes Gebiet aus atlantischem Regenwald mit einer beeindruckenden Flora und Fauna. Auf der brasilianischen Seite fährt man einfach von seinem Hotel mit dem Bus oder Taxi bis zum Besucherzentrum, wo man bereits mehrsprachig mit großen Hinweistafeln empfangen wird. Der Eintritt für ausländische Touristen beträgt derzeit 37 R$, also rund 15 Euro. Darin enthalten sind auch eine Panoramafahrt bis zum Rundwanderweg und ein Obolus für eine Stiftung zur Bewahrung des Regenwaldes. Alles ist ganz modern und perfekt organisiert. Mit einem oben offenen Reisebus fährt man erst einmal ein paar Kilometer durch den Wald und hält an verschiedenen Stationen, wo man zum Beispiel weitere Aktivitäten unternehmen kann, die allerdings extra bezahlt werden müssen. Dazu gehören Wanderungen oder Touren mit dem Fahrrad, aber auch mit Elektrofahrzeugen kann man tief in den Regenwald eintauchen und am Ende mit dem Boot unten im Fluss ganz nah an die Wasserfälle ranfahren. Ein richtig nasses, aber extrem spannendes Vergnügen.

Die meisten werden vermutlich jedoch den Blick aus sicherer Entfernung genießen, oder?
Das ist richtig. Der Großteil der Besucher lässt sich bis zum Beginn des Wanderweges bringen und läuft dann über den betonierten Pfad und Treppen hinunter zum Besuchersteg. Da ist man allerdings nicht ganz unten im Flussbett sondern mehr oder weniger auf halber Höhe. Dort kann man dann über den Steg bis an den Rand der Fälle laufen. Das ist schon ein genialer Ort. Links von einem stürzen die Wassermassen von oben herab. Direkt unter einem sieht man das Wasser ins eigentliche Flussbett fallen und blickt man in die nahe gelegene Schlucht hinein, sieht man den Teufelsschlund. Über allem liegt eine je nach Wasserstand und Wind erfrischende Gischt. Bei meinem letzten Besuch war es wie ein warmer Regen, man kommt pitschnass wieder ans Ufer zurück. Viele junge Leute haben sich einfach die T-Shirts ausgezogen und genossen das Spektakel ausgiebig. Andere wiederum schützten sich und ihre Kameras mit Regencapes – sie waren aber nicht weniger beeindruckt.

Das klingt nach einem echten Highlight …
Und das ist es auch. Ein unvergessliches Erlebnis. Man kann es wirklich nur unzureichend beschreiben. Es geht ja schon beim Verlassen des Busses los. Da sieht man die ersten Fälle im Hintergrund auf argentinischer Seite und hört so ein leises Rauschen. Ich sage immer spaßeshalber zu meinen Gästen, verknipst nicht den halben Speicher eurer Kamera mit diesem Panoramamotiv, das ist erst Stufe 1 von 5. Das Beste kommt noch. Das Rauschen wird ja dann auch zunehmend lauter und hinter jeder Kurve entdeckt man einen neuen Wasserfall, ein neues Motiv. Dann sind da je nach Jahreszeit noch Unmengen von Schmetterlingen und natürlich die neugierigen und frechen Nasenbären. Ist man erst einmal am Besuchersteg angekommen, ist es überwältigend. Aus dem Rauschen ist ein Donnern geworden, die Szene ist gar nicht mit einem Blick zu erfassen. Links, rechts von vorne und hinten sprudelt und spritzt es, man sieht das Wasser irgendwie kurz in der Luft schweben in kleinen Tropfen, die man mit den Augen zu verfolgen versucht. Schließlich zerteilt sich das Wasser und prallt auf den Granitfelsen und es kommt die Gischt, ein feiner Wassernebel. Eine faszinierende Naturgewalt und das seit Millionen von Jahren. Da hat man schon Angst, jemand könnte mal eben den Hahn zudrehen.

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Das kann doch in Trockenperioden schon mal passieren, oder?
Natürlich. Normalerweise rauschen bis zu 1.5 Millionen Liter Wasser pro Sekunde die Klippen herunter, bei einer „Seca“, also einer Dürre waren es auch schon einmal nur 300.000 Liter. Dann wirkt die Szenerie etwas trostlos. Doch glücklicherweise kommt dies nur alle paar Jahre vor, nur wenige Tage und dann auch zu ganz unterschiedlichen Jahreszeiten. Eine „regelmäßige Trockenzeit“ gibt es also nicht. Wenn es aber vorher wochenlang geregnet hat – der Rio Iguaçu windet sich ja von Ost nach West durch ganz Paraná – dann ist Schluss mit Lustig. Naturgewalten pur. Dann kann es sogar passieren, dass das Wasser über den Besuchersteg schwappt und dieser einmal für ein paar Tage geschlossen wird. Auch wird weiße Gischt dann bräunlicher durch die vielen Sedimente. Aber für solche Fälle gibt es ja noch den Aufzug und die obere Plattform.

Ein Aufzug im Nationalpark? Das klingt nicht unbedingt nach Ökotourismus.
Den haben sie aber perfekt in die Topografie integriert. Unten grenzt er direkt an die Felswand und bietet beim Hochfahren einen faszinierenden Ausblick auf die Fälle. Es ist ja ein Panoramaaufzug ganz aus Glas. Und oben sind nur Gitteroste installiert, da man sich ja praktisch 10 Meter vor der Felswand befindet. Ein gigantischer Ausblick über die Szenerie, da man dort nun auch den augenscheinlich gemächlich dahinfließenden Fluss sieht, der direkt vor einem die Klippe runter stürzt. Um dann wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen, muss man erst 50 Meter über die Gitteroste zurücklaufen – da sieht man dann den Regenwald unter sich. Die Eingriffe in das Ökosystem sind also ziemlich gering und bieten dem Besucher doch eine tolle Möglichkeit, das Spektakel aus verschiedenen Blickwinkeln zu erleben.

Apropos Blickwinkel, da wäre ja noch die argentinische Seite …
Genau. Wenn man die Zeit hat, sollte man unbedingt rüber fahren. Ich empfehle dabei jedoch immer einen Tag mehr einzuplanen. Also am ersten Tag die brasilianische Seite mit einem kleinen Zusatzprogramm wie einer Wanderung durch den Regenwald, dem Besuch des gegenüber vom Besucherzentrum gelegenen Vogelparks, einem Hubschrauber-Rundflug oder der Besichtigung des gigantischen Wasserkraftwerks von Itaipu und am zweiten Tag dann ganz in Ruhe die argentinische Seite. Während man von Brasilien einen fantastischen Panoramablick hat, wandert man in Argentinien auf Stegen zunächst über den Fluss, bis man am Ende direkt am Teufelsschlund steht. Hier wird die Urgewalt besonders deutlich, vor lauter Gischt kann man das Flussbett nicht sehen. Es scheint immer eine Wolke über der Schlucht zu hängen, einfach atemberaubend. Im dortigen Nationalpark gibt es ebenfalls exzellente Rundwanderwege durch den nativen Regenwald und zudem die berühmte Zugfahrt vom Parkeingang bis zum Beginn der Wanderstrecken. Auch hier kann man von Foz do Iguaçu bequem mit dem Bus hinüber fahren, steigt dann in der Grenzstadt Puerto Iguazú in den Bus zum Nationalpark um. Ich versuche immer beide Seiten zu besichtigen, beides hat eine enorme Anziehungskraft. Vielleicht auch, weil man jeweils die andere Plattform sehen kann, die man ja entweder noch besichtigen will oder auf der man schon gestanden hat.

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Iguaçu – Itaipu, das sind doch indianische Namen, oder?
Das ist korrekt. Beide Namen stammen aus dem Sprachgebrauch der Tupí-Guarani. Iguaçu bedeutet „großes Wasser“, treffender geht es ja wohl kaum noch. Und Itaipu heißt übersetzt „Steine, die singen“. Die Einflüsse der Ureinwohner sind also auch heute noch allgegenwärtig und es ranken sich ja auch Mythen und Legenden um die Wasserfälle. Man muss sich mal vorstellen, dass ein Spanier die Cataratas bei seiner Entdeckung „Santa-Maria-Fälle“ getauft hat. Glücklicherweise hat sich der Name nie durchgesetzt.

Was sind denn das für Legenden, die sie eben erwähnt haben?
Vor ewigen Zeiten soll eine Schlange namens Mbói im Fluss gelebt haben, damals gab es noch keine Wasserfälle. Und die Guarani opferten jährlich eine schöne junge Frau der Schlange, damit diese den Indianern wohlgesonnen bleibt. Es soll immer eine mächtige Zeremonie gewesen sein, wo auch viele andere Stämme eingeladen waren. Bei einer solchen Zeremonie sah dann der junge Häuptling Tarobá die wunderschöne Naipí, die geopfert werden sollte. Da er trotz allen Bemühungen den Stammesältesten nicht überzeugen konnte, sie zu verschonen, entführte er sie in der Nacht vor der Opferung. Das gefiel Mbói überhaupt nicht – die Schlange tobte so lange im Fluss, bis die Felsen erzitterten und Schlucht samt den hohen Klippen entstanden. Das junge Liebespaar wurde von Mbói in Bäume verwandelt, die oberhalb der Fälle stehen, die Schlange selbst versteckt sich noch heute im Teufelsschlund. So erzählt man es sich zumindest. Und die beiden lieben sich natürlich noch immer, und an sonnigen Tagen sieht man dann einen Regenbogen über der Schlucht, das Liebespaar miteinander verbindet. Mir gefällt diese romantische Geschichte sehr gut und ich erzähle sie meinen Gästen auch immer wieder. Wesentlich besser als die trockene Studie eines Geologen über tektonische Plattenverschiebung. (lacht)

Eine schöne Geschichte. Verraten Sie als Cataratas-Kenner doch bitte zum Abschluss unseren Lesern, was man bei einem Besuch noch beachten sollte und was vielleicht nicht im Reiseprospekt aufgeführt ist.
Aufgrund der guten Infrastruktur kann sogar man ziemlich unbedarft das Abenteuer wagen. Feste Schuhe oder Turnschuhe sind angebracht, ich selbst gehe meist mit Havaianas, den bekannten brasilianischen Gummisandalen dorthin. Eine Schirmmütze sollte man nicht vergessen, denn teilweise kann es ganz schön heiß werden und die Sonne ist sehr intensiv. Daher sollte man sich auch mit Sonnencreme einreiben und vor allem mit Insektenschutzmittel einsprühen. Es geht in den Regenwald und da haben wir auch einige tagaktive Moskitos. Empfohlen wird generell in solchen Zonen eine Impfung gegen Gelbfieber, die Bevölkerung in der Region ist faktisch vollständig immunisiert. Das muss man jedoch spätestens 10 Tage vor Abflug machen, sie hält aber 10 Jahre an. Aufpassen sollte man noch vor den frechen Quati, den Nasenbären, die gerne mal in einem abgestellten Rucksack wühlen und leider mittlerweile immer mehr auf Chips und Fastfood stehen. Also diese lustigen Zeitgenossen bitte im Interesse der Tiere keinesfalls füttern. Dann fehlt nur noch ein Schutz für die Kamera, wenn man sich länger im Wassernebel aufhalten will und vielleicht sogar ein T-Shirt zum wechseln, falls man den warmen Regen ganz intensiv genießen will.

Also Lust auf das Spektakel haben sie nun ja schon gemacht.
Ja, ist z.B. auch ein Pflichtprogramm für alle meine Freunde, die mich hier im Südwesten Brasiliens besuchen. Aber selbst wer in Salvador oder Rio ist, sollte den Ausflug machen. In ein paar Stunden ist man mit dem Flugzeug da. Es ist ja nicht nur ein Postkartenmotiv, sondern vielmehr ein grandioses Erlebnis. Ich sage immer, in Foz do Iguaçu kann man endlich mal richtig sehen, was Schwerkraft bedeutet. Außerdem ist es UNESCO Weltnaturerbe und vielleicht bald sogar ein neues Weltwunder der Natur. In dem Zusammenhang kann ich auch nur jeden auffordern, auf http://www.votenascataratas.com mit abzustimmen, zu Ehren von Tarobá, Naipí und natürlich der bösen Mbói, die alles geschaffen hat und noch heute im Teufelsschlund lauert.

Das waren jede Menge Infos, vielen Dank für das Gespräch.
Ich danke Ihnen und wünsche hier aus Brasilien allen Ihren Lesern unvergessliche Augenblicke über dem Abgrund, bei donnerndem Rauschen und dem erfrischenden feinen Regen der schäumenden Gischt.

Hintergrund

Die Wasserfälle des Rio Iguaçu liegen im Dreiländereck Brasilien, Argentinien und Paraguay. Auf 2.700 Metern fallen rund 275 einzelne Fälle bis zu 90 Meter in die Tiefe. Der Wasserdurchfluss beträgt durchschnittlich mehr als 1 Million Liter pro Sekunde. Die Cataratas do Iguaçu sind damit die mächtigsten der Welt. Das gigantische Naturschauspiel lockt jährlich Millionen Touristen an, auf brasilianischer sowie argentinischer Seite wurden in den dortigen Nationalparks moderne Besucherzentren eingerichtet, die ganzjährig geöffnet sind. Neben der reinen Besichtigung der Fälle sind auch Wanderungen und Safaris durch den nativen Regenwald möglich. Weiterer Höhepunkt in der Grenzstadt Foz do Iguaçu ist ein Besuch des Itaipu-Staudamms mit dem grössten Wasserkraftwerk der Welt.

Iguaçu-Nationalpark in Brasilien

  • Anschrift: Rodovia BR 469 – KM 18 – Foz do Iguaçu / Paraná – Brasilien
  • Telefon: +55 – 45 – 3521 4400
  • Webseite: http://www.cataratasdoiguacu.com.br
  • Öffnungszeiten: ganzjährig von 9:00 bis 17:00 Uhr
  • Eintrittspreise: Erwachsene & Kinder ab 12 Jahre: 37 R$ (ca. 15 Euro), Kinder von 2 bis 11 Jahre: 7 R$ (ca. 3 Euro)
  • Linienbus aus dem Zentrum von Foz do Iguaçu: alle 25 Minuten mit Buslinie 120, Fahrzeit ca. 35 Minuten via Flughafen, Abfahrt innerhalb des Busbahnhofs, Fahrpreis 2.20 R$ (ca. 0,90 Euro)

Iguazú-Nationalpark in Argentinien

  • Anschrift: CC. N° 24 – CP: N3370XAJ – Puerto Iguazú / Misiones – Argentinien
  • Telefon: +54 – 3757 – 49 14 69
  • Webseite: http://www.iguazuargentina.com
  • Öffnungszeiten: 16. September bis 15. März von 8:00 bis 18:00 Uhr | 16. März bis 15. September von 8:00 bis 17:00 Uhr
  • Eintrittspreise: Erwachsene & Kinder ab 13 Jahre: 85 Peso (ca. 16,50 Euro), Kinder von 6 bis 12 Jahre: 45 Peso (ca. 8,80 Euro)
  • Linienbus aus dem Zentrum von Foz do Iguaçu: stündlich zunächst über die Grenze mit Buslinie „Argentina-Brasil“ (Abfahrt ausserhalb des Busbahnhofs) zum Busbahnhof von Puerto Iguazú, von dort Anschlussbus halbstündlich weiter zum Parkeingang, Fahrzeit komplett mit evtl. Wartezeiten ca. 90 Minuten, Fahrtpreis komplett ca. 10 Peso (ca. 1,90 Euro)

Preise: Stand 04/2010