Typische Feste

Veröffentlicht am 21. Oktober 2009

Folgende Präsentationen sind Teil religiöser oder auch ganz einfach vergnüglicher typischer Feste in Sergipe:

Reisado

Weihnachtlicher Volksbrauch, der aus Portugal stammt und im 19. Jahrhundert nach Brasilien kam, unter der Bezeichnung „Reisado“ oder auch „Roseiro“ – in Anklang an die Verehrung der Heiligen Drei Könige, am 6. Januar. Der „Reisado“ kann vor den Türen von Privathäusern, auf öffentlichen Plätzen oder auf irgendeiner anderen öffentlichen Bühne präsentiert werden.

Eingeleitet wird er von einem Loblied oder einer gesungenen Entschuldigung an die Hausherren oder die Zuschauer und geht dann über in einen Text, der sich mit einem spezifischen Thema beschäftigt – der Liebe, dem Krieg, der Religion, einer lokalen Geschichte oder einer aus der vergangenen Zeit.

In Sergipe geht der „Reisado“ darüber hinaus in einen Tanz von grosser Ausdruckskraft über, verbreitet über den gesamten Bundesstaat. Einige Gruppen sind auch besonders berühmt, wegen ihrem besonders attraktiven „Reisado“, zum Beispiel die der „Dona Lalinha“ aus Laranjeiras – sie starb im Januar 1997.

nach obenLambe-Sujos versus Caboclinhos

Hier haben wir es mit einem wahrhaftigen Volkstheater zu tun: an jedem zweiten Sonntag im Oktober lebt und erlebt die kleine historische Stadt „Laranjeiras“ dieses aufregende Volksstück mit einem sehr dramatischen historischen Hintergrund, der aus jener Epoche stammt, in der die weissen Grossgrundbesitzer ihre „Caboclinhos“ (abfällige Bezeichnung für Indianersklaven) beauftragten, die provisorischen Unterstände (Ranchos) und Siedlungen (Mocambos) der ihnen entlaufenen schwarzen Sklaven zu zerstören.

In der theatralischen Umsetzung läuft das dann so: Während des Samstags konstruiert man zwei „Mocambos“, um dort die entsprechenden Schauspieler unterzubringen. Da diese als Negersklaven in Erscheinung treten, verkleiden sie sich alle mit einem schwarzen Trikot, denn bei der niedrigen Prozentzahl schwarzer Einwohner in Sergipe (3,5%) sind so viele naturschwarze Schauspieler nicht aufzutreiben. Die „Indianer“ malen ihre Haut rot an, denn von den Ureinwohnern findet man ebenfalls keinen einzigen mehr und schmücken sich mit Federn und Halsketten und einem Bastrock.

Die „Lambe-Sujos“ (wörtlich: Schmutzlecker), wie die Sklaven damals genannt wurden, klappern am frühen Sonntagmorgen die Reihen der sich sammelnden Zuschauer ab und bitten um eine Spende. Dann beginnen die „Caboclinhos“ mit ihrer Verfolgung, finden die „Lambe-Sujos“ in ihren Unterständen und der Kampf entbrennt zwischen den beiden Gruppen. Er endet mit der Niederlage der schwarzen Sklaven.

nach obenParafusos

Eine interessante Tanzeinlage, die ebenfalls historischen Ursprungs ist und aus der Sklavenzeit stammt: eine Gruppe von schwarzen Männern tritt auf, die alle in schneeweissen Spitzenüberwürfen stecken – nur der dunkle Kopf mit den leuchtenden Augen schaut heraus. Dann präsentieren sie eine dramatische Szene aus der Vergangenheit Brasiliens – als die schwarzen Sklaven bei Nacht von den Fazendas ihrer Herren flohen, um sich in den berüchtigten „Quilombos“ zu verstecken, stahlen sie ein weisses Stück Kleidung oder ein Bett-Tuch von der Wäscheleine, schlüpften hinein und bewegten sich in hüpfenden Sprüngen durch die Zuckerrohrfelder um so aus dem Bereich ihrer Herrschaft zu kommen – indem sie ein Gespenst simulierten, um jeden eventuellen Beobachter abzuschrecken.

nach obenBacamarteiros

Hier handelt es sich um eine folkloristische Einlage der Bürger von „Aguada“ aus dem Distrikt „Carmópolis“. Eine Gruppe von mehr als 60 Teilnehmern, alles Männer mit jeweils einer dieser kunsthandwerklich hergestellten „Bacamartes“ – einer historischen Replika der in der Kolonialzeit benutzten „Muskete“. Sie feiern mit den andern Teilnehmern die Nacht von „São João“, am 24. Juni, mit Musik und Tanz, und entsetzlich vielen Salven aus eben jenen Musketen. Diese Männer heissen „Bacamarteiros“.

nach obenTaieira

Eine Gruppe mit starker religiöser Prägung, deren offizielle Verehrung „São Benedito“ und der „Nossa Senhora do Rosário“ gilt – beide Schutzheilige der Schwarzen Menschen in Brasilien. Während der Messe in der Kirche des „São Benedito“, in Laranjeiras, vollzieht sich nun eine Demonstration von jahrhundertealtem Sinkretismus: die „Taieira-Gruppe“. Sie besteht aus einem schwarzen König, einem schwarzen Minister, schwarzen Königinnen und Prinzessinnen, sowie dem weissen „Patron“. Sie nehmen zuerst einmal am normalen christlichen Gottesdienst teil – zumindest scheint es so, denn keiner der weissen Herren und weissen Priester ahnte damals, was die schwarzen Sklaven geduldig und verschwiegen hinter den ihnen aufgedrängten katholischen Heiligen verbargen: ihre afrikanischen Naturgottheiten – hinter jedem „Santo“ steckte ein „Orixá“!

So konnten sie ihre eigenen Götter herüberretten und holten sich Kraft zum Überleben in ihren streng geheimen Kulthandlungen. Dann kam die Freiheit, auch für ihre Religion und ihre „Orixás“ und unsere „Taieira-Gruppe“ bricht in Jubel aus, als jetzt der katholische Priester die Krone vom Kopf der holzgeschnitzten „Nossa Senhora do Rosário“ nimmt, sie kurz hochhält, um sie dann der „Rainha das Taieiras“, ihrer schwarzen Königin, aufzusetzen.  Die Gemeinde fällt in den Beifall ein! Dies ist der Höhepunkt des Festes am 6. Januar.

nach obenSão Gonçalo

Musik und Tanz stammen aus Portugal und wurden in Brasilien besonders von der Landbevölkerung ins Folklore- Repertoire aufgenommen. Eine Art Singspiel um den legendären „São Gonçalo de Amarante“, einem Seemann, der, so wird berichtet, viele Frauen aus dem Metier der Prostitution herausgeholt haben soll, mit – man höre und staune – seiner fröhlichen Musik, die er auf einer Gitarre produzierte.

Die Tanzdarbietung wird von Gitarren begleitet, von „Pulés“ (Flöten aus Bambus) und der „Caixa“ (wörtlich „Kasten“ oder „Kiste“ – gemeint ist eine Holzkiste, auf der der Rhythmus geklopft wird).

Die „Kiste“ wird vom „Patron“ geklopft, der in Seemannskleidung den legendären „São Gonçalo“ darstellt. Übrigens besteht die Gruppe nur aus Männern, in der Mehrzahl Landarbeiter, die sich als Frauen kleiden.

Die Gruppe tanzt auf religiösen Festen, und man kann sie auch zur „Bezahlung eines Versprechens“ engagieren. Gemeint ist ein Versprechen, welches man einem Heiligen gibt, um eine bestimmte Gnade zu erreichen – hat es geklappt, dann löst man dieses Versprechen ein! Früher haben die Menschen ganze Kirchen für einen Heiligen hingestellt, wenn der ein Problem für jemanden gelöst hat – deshalb gibt es in Brasilien so viele Kirchen.

nach obenSamba de Côco

Vergnüglicher Tanz afrikanischen Ursprungs, in dem Händeklatschen und Steppen mit den Schuhabsätzen wesentliche rhythmische Bestandteile sind. Der Sänger, oder besser: der Versemacher, den man auch unter der Bezeichnung „Coqueiro“ kennt (was eine interessante Parallele zu Kokospalme ergibt, die ebenfalls „Coqueiro“ heisst) – er ist verantwortlich für den Inhalt der improvisierten Verse und für die Musik, in denen es normalerweise um Liebe, Eifersucht und Leidenschaft geht. Es kann aber durchaus geschehen, dass er sich plötzlich mit einem aktuellen Thema befasst – oder mit dem Aussehen eines Zuschauers – und dann fasst er seine Beobachtungen in improvisierte Reime, die eine Lachsalve nach der andern bei den Zuschauern auslösen. Die Gruppe der Tanzenden, innerhalb eines Kreises und zu Paaren, antworten im Chor auf einen bestimmten Refrain.

Der Tanz entstand unter den Sklaven des brasilianischen Nordostens während ihrer Verarbeitung von Kokosnüssen – der Rhythmus begleitet perfekt die Entfernung der Schale und das Aufschlagen der Nüsse. Unter den in „Quilombos“ geflüchteten Sklaven wurde der Tanz dann weiter gepflegt, um die plötzliche Langeweile auszufüllen. Die bekanntesten Gruppen des „Samba de Côco“ in Sergipe sind: „Mestre Euclides“ in Aracaju und eine Gruppe aus der Stadt Estância.