Aus der Geschichte von Rio Grande do Norte

Veröffentlicht am 21. Oktober 2009

Die Besetzung von Rio Grande do Norte durch die Portugiesen vollzog sich in den letzten Jahren des 16. Jahrhunderts, als der „Capitão-Mor“ (alter portugiesischer Kommandeurs-Rang) von Pernambuco, Manuel Mascarenhas Homem, mit seinen „Ordonanzen“ in die Mündung des „Rio Grande“ (heute „Rio Potengi“) eindrang und den dortigen Franzosen und ihren alliierten Indianern eine Schlacht lieferte, die diese schmählich verloren.

1598 konstruierte er die Festung „Forte dos Reis Magos“, auf der Landzunge zwischen der Mündung des „Rio Grande“ und dem Meer, um so diesen leichten Zugang zum Interior unter Kontrolle zu bekommen – die Festung erwies sich im Lauf der Geschichte als wichtigste Verteidigungsstellung der Portugiesen in Nordbrasilien.

Nach dem Bau des Forts begann man, etwas oberhalb der Mündung desselben Flusses, mit der Planung einer Stadt. Drei Jesuiten, Gaspar Sampére, Francisco Pinto und Francisco Lemos waren dem Kolonisator bei der Befriedung der aufgebrachten Eingeborenen behilflich, deren Stämme in diesem Gebiet besonders zahlreich waren und einen furchterregenden Ruf hatten. Unter ihnen die Paiacus, Paiins, Monxorós, Pegas, Caborés, Icozinhos, Panatis, Ariús, Janduís und die Potiguares – letztere bewohnten das Gebiet um den „Rio Grande“, das man für die Errichtung der Stadt Natal vorgesehen hatte.

Von ihrer Rasse her gehörten alle diese Indianerstämme nur zwei unterschiedlichen Völkern an: dem der Tupi – zu diesem gehörten auch die Potiguares – und dem der Carirí, mit den restlichen Stämmen. Später erschienen aus der Gegend von „Piancó“, dem Sertão von „Seridó“, die Caicó und die Curema, die sich mit den Panati verbündeten. Die Mischung der Weissen mit den Indianern schuf jene Mestizen, die als „Vaqueiros“ (Viehhirten) Karriere machten, als berühmte Stierbezwinger bei den „Vaquejadas sertanejas“ (Rodeos) und sogar als Sänger von Moritaten aus dem „Sertão“. Wie der Historiker Aires do Casal bemerkt: „die Schwarzen sind nur wenige in dieser Provinz“. Aber der Indianer hielt sich hier nicht lange – er verflüchtigte sich und verschwand ganz: in drei Jahrhunderten blieb in Rio Grande do Norte praktisch nicht einer von ihnen zurück.

Die Portugiesen bevölkerten, dank der Indianerinnen und Negerinnen, den „Sertão“ und die Küste mit Mestizen verschiedener Hautfarben – und noch ein paar Generationen später war ein diffuses Rassengemisch entstanden, dessen Wurzeln kaum noch jemand definieren konnte. So ist es durchaus nicht ungewöhnlich, dass man im „Sertão“ dunkelhäutige Menschen mit hellen Augen und hellen Haaren, oder Weisse mit schwarzen Augen und dunklem Kraushaar, antrifft – eine rassische Demokratie, geschaffen durch die gemeinsame harte Feldarbeit und die persönliche sexuelle Freiheit.

Invasion der Holländer
Offensichtlich nicht nur an der strategischen Position des „Forte dos Reis Magos“ interessiert, sondern vor allem an den Rinderherden und den reichen Salinen, schickten die Holländer insgesamt drei Beobachtungs-Expeditionen an die Küste vor Natal. Gleichzeitig waren verschiedene heimliche Beobachter auf dem Boden von Rio Grande do Norte unterwegs (1625, 1630, 1631). Und am 5. Dezember 1633 lief in Recife die vierte holländische Expedition aus, diesmal zur Eroberung der „Capitania“ Rio Grande do Norte: 11 Schiffe mit 808 Soldaten, Lebensmittel für 9 Wochen, Munition und Mannschaften.

Die Besetzung durch die „Flamengos“, wie sie von den Portugiesen genannt wurden, dauerte 20 Jahre und hinterliess kaum irgendwelche materiellen Spuren. Die Holländer interessierten sich nicht für den „Sertão“. Ihre Schiffe, die bis zur Mündung des „Rio Açu“ segelten, holten nur das Salz aus „Macau“ und aus „Mossoró“. Niemals haben sie sich von der Küste und dem angrenzenden „Agreste“ entfernt, wo sich, ausser den reichen Salinen, die grössten Reserven an Rindern, an Hölzern und an Saatgut befanden, denn nur diese Güter interessierten die hinter ihnen stehende „Westindien-Kompanie“.

Als im Februar 1654 die Besatzer geschlagen und Kapitän Francisco de Figueira vor der von den Holländern in „Schloss von Keulen“ umbenannten Festung „dos Reis Magos“ erschien, fand er niemand mehr vor, den er verhaften oder gefangen nehmen konnte – die „Flamengos“ waren klamm und heimlich geflüchtet. Unter einer Salve seiner Ordonanz hisste der Portugiese zum ersten Mal wieder die alte lusitanische Flagge am Mast der Festung, die vor 20 Jahren, und vor den Augen eines traurigen, verwundeten und geschlagenen Perõ Mendes Gouveia, vom Feind heruntergeholt worden war.

Rückkehr der Portugiesen
Insgesamt 23 Kommandeure regierten die „Capitania“ bis Ende des 17. Jahrhunderts. Im Jahr 1684 zeichnete „Capitão-Mor“ Manuel Muniz, der seit 1682 die Regierung übernommen hatte, dem portugiesischen König allerdings ein düsteres Bild: die Zahl der Einwohner von Natal werde immer weniger – sie hätten sich in die weiten Regionen des Interiors zurückgezogen, ohne Verteidigung oder Schutz. Sie lebten in anfälligen Hütten ohne irgendwelche Sicherheit und in Gebieten, die von wilden Indianern nur so wimmelten. Das Fort selbst hätte zu seiner Verteidigung inzwischen nicht mehr als 15 bis 20 Soldaten aufzubieten!

Die so genannten „Sesmeiros“ – jene von der Krone mit einem Stück Land beschenkten Herren der besseren Gesellschaft – beauftragten ihre Söldner, mangels entsprechender Mittel zum Ankauf von Sklaven aus Guinea oder Angola, sich mit gefangenen Indianern zur Durchführung der Feldarbeit einzudecken. Die Indianerstämme reagierten und begannen einen Kampf, der sich mit der so genannten „Konföderation der Cariris“ zur grössten Eingeborenen-Revolte entwickelte, die man je in Brasilien erlebt hatte (1700) – sie konnte nur unter Eingreifen von „Bandeirantes“ aus São Paulo niedergeschlagen werden. Nach diesem Gemetzel war die Zahl der überlebenden Indianer in Rio Grande do Norte so zusammengeschrumpft, dass sie nie mehr eine ernst zu nehmende Gefahr für die Kolonisatoren werden konnten.

Wirtschaftliche Konsequenzen
Die Abhängigkeit von der Regierung in Pernambuco bescherte der Capitania Rio Grande do Norte zahllose wirtschaftliche Verluste: zum Beispiel war die Rinderherde inzwischen auf 60.000 Stück angewachsen, aber man erlaubte plötzlich der Capitania nicht mehr, ihr Trockenfleisch zu exportieren, welches von den Industrien im Tal des „Rio Açu“ und des „Rio Mossoró“ verarbeitet wurde, um dann im berühmten „Hafen der Fleischfabriken“ am Flussufer, verladen zu werden. 1788 verbot der pernambukanische Generalskapitän Tomás José de Melo die Existenz besagter Industrie. Erlaubte sie aber von „Aracati“ (in Ceará) ab nach Norden, was dem Trockenfleisch aus dem „Sertão“ von Rio Grande nun den Stempel „Fleisch aus Ceará“ aufzwang. Trotzdem gab es immer wieder Schiffe, die heimlich Anker im Hafen des „Rio Grande“ warfen um Fleisch für den Export an Bord zu nehmen.

Dasselbe Los traf den Salzexport aus Rio Grande do Norte: Der Vertrag vom 7. Dezember 1758 mit Pernambuco erlaubte nur die „Förderung des Naturprodukts für den internen Gebrauch“ – Export desselben war verboten. Mais, Baumwolle, Maniok, Bohnen, Leder und Milchprodukte – besonders Quark und Käse aus dem „Seridó“ – sowie ein bisschen Zucker, bildeten die wirtschaftliche Basis der Capitania eigenen Ernährung. Zuckerrohr-Pflanzungen gab es nur wenige, denn – so ein Historiker – „der Boden dieser Capitania war im allgemeinen schwach und eher für die Viehhaltung geeignet, denn für Zuckerrohr und andere Pflanzungen“. Und in dieser wirtschaftlichen Fast-Stagnation durchquerte Rio Grande do Norte das 18. Jahrhundert.

In der Revolution der Nordoststaaten – die unter dem Namen „Confederação do Equador“ in die Geschichte eingegangen ist (1817), und dessen Führer, Pais de Andrade, das Ziel hatte, die Nordoststaaten als selbständige Republik von der portugiesischen Krone abzuspalten – hat Rio Grande do Norte nur eine Nebenrolle gespielt. Das heisst, sein damaliger Präsident Tomás de Araújo, ein Politiker mit liberalen Tendenzen, unterstützte zwar die Revoluzzer der Nachbarprovinzen Ceará und Paraíba wo er nur konnte, und das Volk konnte ebenfalls seine Sympathie für die Separatisten kaum verbergen – aber man schloss sich ihnen nicht an.

Dann, als das Imperium die Führer der Revolution aufknüpfen liess – dem Pater „Frei Caneca“ gewährte man aus religiösen Gründen die Erschiessung – wurde auch ihr Präsident gestürzt und floh auf seine Fazenda im Sertão von „Seridó“.

Die Macht in der Capitania wurde nun von einem ehrgeizigen Militär, dem Sargento-Mor Morais Navarro übernommen, welcher alle Freunde und Sympathisanten der gestürzten Regierung verfolgen, in Eisen legen und foltern liess – nach gutem alten Landsknechtsbrauch – und auch, um der portugiesischen Krone überzeugende Beweise seiner Ergebenheit zu liefern.

Die Provinz
Am 24. Januar 1824, zwei Jahre nach der brasilianischen Unabhängigkeit, macht Coronel Texeira Barbosa Schluss mit den leidigen Zuständen in der „Capitania“ und übernimmt als Präsident der selbständigen Provinz Rio Grande do Norte ihre Führung. Seine Haltung ist die eines Friedensstifters – er beruhigt die Empörten und reicht den Verfolgten die Hand zum Neuanfang.

Im weitab gelegenen Sertão allerdings schwellen immer noch die Rivalitäten zwischen Anhängern des Tomás de Araújo und denen des Mataquiri, eines Clan-Chefs von zweifelhaftem Ruf, aus dessen Mitte die ersten „Cangaceiros“ (Räuber) von Rio Grande do Norte hervorgehen. Und deren Präsenz wird eine konstante, von jetzt ab – wenn auch nicht immer offensichtlich.

Krieg zwischen „Rosmarin“ und „Majoran“
Sämtliche politischen Initiativen der Staats- und Landesregierung stossen in der Provinz auf stoisches Unverständnis und prallen ab von der Engstirnigkeit der Menschen. „Alecrim“ (Rosmarin) und „Manjerona“ (Majoran) sind zwei politische Gruppen in permanentem Antagonismus – was zu einem häufigen Präsidentenwechsel führt. Die Staatsregierung wechselt die Führung in Übereinstimmung mit dem Rhythmus der parteilichen Schwankungen des Hofes und, auch in Rücksicht auf lokale Intrigen. Solche Zustände erklären nicht nur die materielle Rückständigkeit der Provinz sondern auch ihre politische Unreife. Die sich ständig ablösenden Ernennungen von „Alecrins“ aus dem Norden und „Manjeronas“ aus dem Süden, tragen nicht dazu bei, homogene Parteien zu bilden oder ideologische Überzeugungen zu stärken – ganz im Gegenteil!

Erst als man im Jahr 1853 eine Politik der Versöhnung anwendet, gelingt es, die erhitzten Gemüter zu besänftigen und über der Provinz breitet sich ein Klima der Ruhe und des Friedens aus. Und sogleich mit einem leichten Anstieg auf der Seite des Fortschritts: die Baumwollkulturen nehmen zu, und es erscheinen die ersten Zeitungen in Natal. Neben dem „O Natalense“ von 1832, erscheint im Jahr 1868 der „O Liberal do Norte“, der 1872 nur noch als „O Liberal“ weitergeführt wird, und 1869 erscheint der „O Conservador“. Es werden Schulen eröffnet – man konstruiert die Eisenbahnstrecke zwischen Natal und Nova Cruz (1881).

Die grosse Trockenheit
„Seca Grande“ nennen die Einheimischen – nicht ohne sich zu bekreuzigen – jene grosse Dürre, die in unregelmässigen Abständen das Inland der Nordoststaaten heimgesucht hat, seit sie denken können. Die Regionen des „Sertão“ sind zuerst betroffen: der erwartete Regen des Oktober bleibt aus – es regnet über zwei Jahre lang keinen Tropfen mehr, der Fluss ist plötzlich nicht mehr da – nur noch sein steiniges Bett. Die grosse Lagune, zu der man mit dem Blecheimer auf dem Kopf eine Stunde unterwegs ist, trocknet auch langsam aus. Die Erde platzt auf, wie eine reife Frucht, auch die zäheste  Vegetation stirbt langsam ab, die Tiere verenden schneller. Der Mensch hat eine Zeit lang seine Hoffnung, aber ohne Wasser und ohne Nahrung flieht er schliesslich von dem Boden, den er solange bearbeitet, und der jetzt sein Feind geworden ist.

1844 bis 1945 war eine solche Trockenheit, und die harten „Sertanejos“ haben sie überwunden – die Geflohenen sind in ihre windschiefen Behausungen zurückgekehrt, einige Söhne blieben in der Stadt, haben einen Job als Sackträger in den Salinen oder als Dockarbeiter angenommen. Aber die meisten sind wieder da, haben die Hütten aufgeräumt und Mais ausgesät. Die Lagune hat schon wieder genug Wasser, um ein bisschen Hoffnung zu schöpfen. „Wenn der Regen kommt, werden wir einen Esel kaufen!“ sagt Raimundo.

1877 schlägt die „Seca Grande“ wieder zu – mitten in die eingekehrte Ruhe und den politischen Frieden der Provinz, und mit ihr erscheint eine Figur auf der sozialpolitischen Bühne des gebeutelten Sertão, die den reichen Grossgrundbesitzern Magenbeschwerden bereitet und den Armen einen Glanz der Bewunderung in die hungrigen Augen legt. Jesuino Brilhante – der erste Räuber des Sertão, Vorläufer und Vorbild von Antônio Silvino und später auch des berühmten „Lampião“, der sich zum grössten und gefürchtetsten „Cangaceiro“ des Nordostens entwickeln sollte.
Von Jesuino sprach das Volk als dem „Cangaceiro e gentil-homem“ – dem Räuber und Gentleman – der allerdings eine schlagkräftige Truppe von Männern anführte, die sich weniger gentleman-like benahmen und im Sertão Angst und Schrecken, besonders unter den Besitzenden, verbreiteten.

Das Volk fürchtete und bewunderte sie gleichermassen. Und ihre Raubzüge, während denen sie einerseits grosszügige Kavaliersgesten zelebrierten und andererseits grausame Morde verübten, fanden Eingang in das Volksmusikgut des Sertão und verwandelten sich in lokale Folklore. Als Jesuino starb, hörte sich das in einem populären Song so an: „Já acabaram o Jesuino, acabou-se o valentão, morreu no campo da honra, sem se entregar à prisão“ (mit Jesuino haben sie Schluss gemacht, der Tapfere ist dahin, gestorben auf dem Feld der Ehre, nicht in einer Zelle im Bau). Der einfache Mann vom Rio Grande verehrte stets die freien und tapferen Männer – und Jesuino Brilhante war für den rauhen Sertão ein menschliches Symbol der Kühnheit und der Freiheit.  

Die Republik
Republikanische Ideen wurzelten bereits sehr früh im armen Boden von Rio Grande do Norte – seit dem romantischen, revolutionären Abenteuer von 1817. Am 3. November 1881 sandten Repräsentanten der besitzenden Klasse – Fazendeiros, Geschäftsleute, Besitzer von Engenhos und drei Ex-Präsidenten  der Provinz – ein Manifest an den „Clube Republicano do Rio de Janeiro“, in dem sie ihren Beitritt erklärten. Und es folgten viele persönliche Beitrittserklärungen: Almeida Castro, Augusto Leopoldo, Cisneiros de Albuquerque, Afonso Barata, Dr. Antunes und viele, viele andere. Schon viel früher allerdings, 1874, publizierte Joaquim Fagundes das Blatt „Eco Miguelino“ – antiklerikal und antimonarchistisch. Und in „Caicó“ gründete 1886 Janúncio Nóbrega einen republikanischen Kern, der auch das erste Manifest als Zeitung verlegte: „Manifesto Republicano ao Povo Seridoense“.

Pedro Velho de Albuquerque Maranhão, von der liberalen Partei, war einer, der schon immer auf der Seite der Sklavenbefreier und Republikaner gestanden hatte – an ihn wandte sich, aus Rio, Tobias Monteiro (am 19. August 1888) um ihn zur Führung der Bewegung in der Provinz aufzufordern. Am 1. Juli 1889 publiziert Pedro Velho in Natal das Blatt „Der Republikaner“ – und da ist die Republik bereits so gut wie unter Dach und Fach.

Nach der Ausrufung der Republik (15. November 1889) und nach Überwindung der ersten Unsicherheiten, des Zögerns und der Zurückhaltung, übernimmt Pedro Velho – der geborene Führer und authentische Chef – die Staatsregierung am 28. Februar 1892, die er praktisch bis zu seinem Tode innehatte. Er regierte mit einem totalen, wenn auch sanften Despotismus: er löste sämtliche Probleme und kommandierte alle – „ich erlaube keine Replikas!“ pflegte er sich auszudrücken. Er war authentisch und deshalb von schwierigem Umgang. Er ernannte und setzte ab, berief Senatoren und Abgeordnete mit derselben Natürlichkeit, mit der er Polizeiinspektoren einsetzte oder Nachtwächter. Er war von sprühendem Geist, kultiviert, ernst und sympathisch. Ein Bild von einem Mann: gross gewachsen, breitschultrig, mit wehendem Haarschopf und intelligenten Augen. Aber er hörte auf niemanden, denn er wusste immer selbst, was er zu tun hatte.

Pedro Velho installierte in Rio Grande do Norte, mit manchmal unbarmherzigem Paternalismus,  seine Oligarchie, in der jedes Clan-Mitglied unter einem anderen Namen auftrat, obwohl alle der gleichen Familie angehörten: Augusto Severo, Alberto Maranhão, Pedro Velho, Tavares de Lira, Jovino Barreto, Fabricio Pedrosa und andere mehr.

Das Arbeitsverhältnis auf dem Land kann man als „halb-feudal“ bezeichnen – nur die Gegner des Regimes hatten peinlich genau alle ihre Steuern zu entrichten. Während die andern Grossgrundbesitzer ihre „Cabras“ (Kerle) hatten, die sie verteidigten, die sowohl ihre politischen Probleme lösten wie auch die anstehenden Streitigkeiten um Ländereien. Und der privilegierten, glücklichen Familie schlossen sich die Busenfreunde an, unterwürfig, zufrieden und treu bis in den Tod: Ferreira Chaves, Elói de Sousa, José Augusto und Juvenal Lamartine. Für die hohen Posten in der Administration der Provinz, zum Beispiel für die Repräsentation des Staates bei der Landesregierung, existierte ein bequemes Spielchen, in dem die Familienangehörigen und deren Freunde sich gegenseitig die Posten zuschoben, wie sie gerade in ihre Interessen und Absichten passten.

Zeichen der Unruhe
Alles in allem war es im Staat ruhig. Die das Sagen hatten, wählten für die Kammer und für den Senat die besten Leute aus ihrem Clan. Man entwickelte ohne Hast, gehorchte ohne Zweifel oder Protest, in schweigender Untertänigkeit. Bis dann plötzlich im Jahr 1913 ein gewisser Capitão J. da Penha auf der Bildfläche erschien, die befremdliche Figur eines Volkstribuns und Führers: mit blitzenden Augen, schwarzem Bart, hoher Stirn, eine Art durchgedrehter Messias, aber mit einer klirrenden, unwiderlegbaren Logik und unwiderstehlichem persönlichen Mut. Er sprach, schrie, predigte und doktrinierte – in der Hauptstadt und im Interior. Wenn er mit dem fesselnden Timbre seiner starken Stimme ausrief: „Povo da minha terra!“ (Volk meiner Erde) – erhoben sich die Massen in gemeinsamem Jubel, weil sie plötzlich wieder ihr kollektives Gewissen hatten schlagen hören – das Volk war endlich aufgewacht!

Aber der „Messias“ J. da Penha begeht einen schweren politischen Fehler, als er den Leutnant Leônidas Hermes als seinen Kandidaten für das Amt des Staatspräsidenten von Rio Grande do Norte propagiert – jener war der Sohn des Präsidenten der Republik und man hätte lediglich eine Oligarchie gegen die andere eingetauscht!

Also verliert er die Wahl, denn dies war kein dummes, nur ein hintergangenes Volk, und die Wahl-Maschinerie war solide und unbestechlich. Aber die Oligarchie des Pedro Velho (inzwischen gestorben) hat die Frechheit, und die Mittel, im eingefahrenen Rhythmus weiterzumachen: einem brüderlichen Ballett des freundschaftlichen Postenwechsels, von Zeit zu Zeit. Nur dieser J. da Penha sollte den Gnadenstoss bekommen – der redete zuviel ! Also wendete man einen Militärstreich an.

Capitão J. da Penha, im eigenen Haus gefangen, geschlagen und bitter, zieht sich aus Rio Grande do Norte zurück, um in Ceará zu sterben – sehr tapfer, als Verteidiger seines Kameraden und Freundes, des Generals Franco Rabelo, während einer Schlacht gegen die Fanatiker des „Padre Cícero“.

An dieser Stelle möchten wir den Lauf der Geschichte etwas beschleunigen:

1930
Die revolutionäre Bewegung, im Norden geführt von dem Major Juarez Távora, erreicht Rio Grande do Norte. Der Clans-Gouverneur wird endlich gestürzt und ersetzt.

1935
Am 23. November des Jahres installiert sich im Regierungspalast, in Natal, klamm und heimlich ein „Comitê Popular Revolucionário“ – eine kommunistische Bewegung unter dem Sergeanten des Heeres-Musikkorps, Quintino Clementino de Barros, einem bescheidenen Staatsbeamten, Lauro Cortês Lago, einem kleinen Geschäftsmann, João Batista Galvão, einem obskuren Arbeiter, José Praxedes de Andrade und einem jungen Staatsbürger aus dem Sertão, mit Namen José Macedo. Als sie am 27. November die Nachricht erhalten, dass Truppen aus Paraíba und aus Recife nach Natal unterwegs seien, ziehen sie es vor das Feld zu räumen.

1940
Mit dem Zweiten Weltkrieg beginnt für den Bundesstaat ein überraschender Fortschritt, denn die Amerikaner verwandeln das Plateau von „Parnamirim“ in einen wichtigen Luftwaffen-Stützpunkt, den sie als „Atlantische Luftbrücke nach Afrika“ benutzen. Die Förderung von „Xelita“ (Thungsten) aus dem Gebiet des „Seridó“ spielte für die amerikanische Kriegsindustrie eine wichtige Rolle.

1943
Am 28. Januar des Jahres treffen sich die Präsidenten Getúlio Vargas und Franklin Roosevelt in Natal zu einem Gedankenaustausch.

1947
Am 25. November tritt die neue Verfassung des Bundesstaates Rio Grande do Norte in Kraft.

1965
Wird Brasiliens Satelliten-Abschussbasis „Barreira do Inferno“, 15 km vom Zentrum der Hauptstadt Natal eingeweiht.

1990
Findet man Erdöl in „Mossoró“ und der Region der Salinen. Jetzt stellt man Programme zur wirtschaftlichen Entwicklung des Hinterlandes auf – aber die „Secas“ paralisieren immer wieder jede wirtschaftliche Aktivität. Und die Menschen fahren fort, abzuwandern.

Die periodische Bestrafung durch die Trockenheit, die Flucht vor dem Hunger ins Mysterium des Regenwaldes am Amazonas, die Kargheit des Bodens mit den unsicheren Ergebnissen der Feldarbeit und der Viehzucht, die grausamen Kämpfe der „Cangaceiros“ und die traurigen Stimmen der Sänger, die täglichen Gefahren des Viehtriebs im Gebirge und auf den „Jangadas“ im Meer, aber auch der lyrische Trost der Mondnächte in den weissen Dünen am Strand.

All das hat aus dem „Norte-Rio-Grandense“ einen zurückhaltenden, massvollen und tapferen Menschen geformt, der die Freiheit liebt und die Poesie. Seine persönlichen Vorbilder waren Helden, Poeten und Heilige: Jesuino Brilhante, J. da Penha, Auta de Sousa, Padre João Maria. Wie der Dichter Jorge Fernandes sagte: „sie starben im Kampf, sie starben singend . . .