Olinda

Veröffentlicht am 19. Oktober 2009

Die Nachbarstadt auf den acht Hügeln – von denen man ganz Recife und den Atlantik überblicken kann – vermittelt einen interessanten Gesamteindruck kolonialer Architektur: Ganze Strassenzüge sind hier in ihrer historischen Atmosphäre erhalten, und die goldüberladenen Kirchen zeugen von der vergangenen Zeit des Wohlstands.

Nach Ouro Preto in Minas Gerais findet man hier den grössten und besterhaltensten architektonischen Komplex kolonialer Gebäude Brasiliens, in denen viele Künstler und Bohemiens wohnen. Eine lebendige Stadt mit einem Kulturzentrum, Kunstgalerien und Museen – Musik auf den Strassen und in den zahlreichen Bars – immer wird irgendwo etwas gefeiert. Von der UNESCO wurde Olinda zum Welt-Kulturdenkmal erklärt (1982).

Übrigens sind sich die Historiker uneinig über die romantische Namensgebung der Stadt: die einen meinen, ein Adjutant jenes „Duarte Coelho“ habe „Oh, linda!“ gerufen, als er von einem Hügel herab die Schönheit der Landschaft sah. Die andern behaupten, „Duarte Coelho“ selbst habe gesagt „Oh, linda situação para se fundar uma vila!“ – „Oh, schöne Lage um eine Siedlung zu gründen!“

Der „Praça da Sé“ ist die höchste Erhebung der Stadt. Von hier aus überblickt man Olinda und den umgebenden Atlantik und wird Opfer einer optischen Täuschung: von der Hügelkuppe aus scheint es da unten nur wenige Häuser zu geben, die aus einem Meer von Palmen herausschauen. Dahinter die blaue Endlosigkeit des Atlantiks. Man entdeckt einen winzigen Strandstreifen, auf dem winzige Figuren einem Ball nachrennen.

Hier oben gibt es Strassenrestaurants und einen kleinen Kunsthandwerks-Markt, der sehenswert ist. Aber besonders abends kann man hier an langen, mitten auf dem Platz aufgestellten Tischen die Einheimischen kennen lernen, mit ihnen essen und trinken und den spontanen Musik-Ausbrüchen der Anwesenden lauschen. Der handfeste, bodenständige Charme von Olinda, die Freundlichkeit und Gesprächsbereitschaft seiner Bewohner prägen ein Erlebnis, das sich mit jedem Schritt verstärkt.

Auf demselben Platz stehen die „Igreja da Sé“ (1537) und das „Museu de Arte Sacra“ von Pernambuco – in einem schönen Gebäude aus dem Jahr 1696, das früher als Bischofs-Palast diente. In der Treze de Maio-Strasse findet man – innerhalb einer katholischen Kirche aus dem 18. Jahrhundert, im gruseligen Gefängnis der Inquisition – das „Museu de Arte Contemporanea“, mit ständig wechselnden, aber zumeist ausgezeichneten, Exponaten. In der Bernardo Vieira de Melo-Strasse befindet sich der „Mercado da Ribeira“ (Markt) – mit Galerien, in denen vornehmlich Kunstgewerbe ausgestellt ist, wenige Schritte weiter der sehenswerte „Palacio do Governador“.

Die steilen, kopfsteingepflasterten Strassen sind nur fünf Schritte breit, die Häuser höchstens zwei Stockwerke hoch, alles hier hat noch menschliche Dimensionen. Vorne haben die Häuschen vergitterte niedrige Fenster, nach hinten hinaus Gärtchen mit Palmen und Bananenstauden. Weiss und zartes Pastell überwiegen – nur die Fernsehantennen stören.

Bei einem Rundgang durch das alte Olinda wird man auch an einigen Dutzend sehenswerter antiker Kirchen vorbeikommen. Besonders empfehlenswert sind:

São Salvador do Mundo“ (1540), „Igreja da Misericordia“ (1542), „Nossa Senhora da Graça“ (1550), „Mosteiro de São Bento“ ( 1582) und „Convento de São Francisco“ ( 1585).

Wenn Sie kein „Kirchen-Fan“ sind, das heisst, eine Kirche auch nicht wegen ihrer Architektur oder ihrer kunstvollen Innenausstattung betreten, dann können Sie diesen Absatz ja überspringen – allen andern möchten wir wenigstens ein paar beschreibende Zeilen zu den oben genannten Kleinodien historischer Sakralkunst widmen:

São Salvador do Mundo (1540)
Steht auf der höchsten Erhebung von Olinda, dem „Alto da Sé“ und schaut weit aufs Meer hinaus. Als die erste in Brasilien errichtete Kirche überhaupt, hatte sie ehemals ein Gerüst aus Holz, dessen Zwischenräume mit Lehm ausgefüllt waren, getreu dem Baustil der alten Bauernhäuser, die man noch heute im brasilianischen Inland antrifft. Ab 1584 begann man mit der Konstruktion der neuen Mutterkirche, mit vielen Einzelkapellen um sie herum. Während der holländischen Invasion wurde sie als protestantische Kirche benutzt. Danach erfuhr sie eine detaillierte Restauration und wurde (1676) Bischofssitz. Als die Regierung dann nach Recife umzog, musste auch der Bischof mit.

Igreja da Misericordia (1542)
Steht in der Strasse „Alto da Misericórdia“, im Stadtteil „Amparo“. Man nennt sie auch „Igreja Nossa Senhora da Luz“, und sie wurde zusammen mit dem Hospital „Santa Casa da Misericórdia“ konstruiert. 1630 von den Holländern ausgeraubt und angezündet – 1630, nach deren Vertreibung, wieder restauriert. Die „Academia Santa Gertrudes“ – eine 1912 gegründete Hochschule für Nonnen – befindet sich im Anbau. Das Interior der Kirche präsentiert eine Reihe wertvoller Schnitzereien an der Decke und der Kanzel.

Nossa Senhora da Graça (1550)
Steht ebenfalls auf dem „Alto da Sé“, jenem höchsten Hügel von Olinda und ist Teil eines architektonischen Komplexes, der von dem alten Priester-Seminar und der Kirche gebildet wird.

Bis heute hat man an ihrer klassischen Architektur keinen Deut verändert, sie ist Brasiliens besterhaltenster Zeuge jesuitischer Baukunst des 16. Jahrhunderts. Duarte Coelho selbst gründete das Seminar 1534, um es den Augustinern zu übergeben, die jedoch kamen nie nach Brasilien, an ihrer Stelle quartierten sich die Jesuiten, unter dem Pater „Antônio Pires“, dort ein und errichteten die Kirche als Anbau (1551).

Die Konstruktion wurde von der „Igreja de São Roque“ in Lissabon inspiriert, eine Referenz an die „Quinhentista-Architektur“ Portugals. Nach der Verwüstung durch die Holländer, hat man das „Seminar“ später (1661) wieder aufgebaut und die Jesuiten zogen dort wieder ein – bis sie 1760 des Landes verwiesen wurden.

Mosteiro de São Bento (1582)
Steht in der „Rua de São Bento“, im Stadtteil „Varadouro“. Ebenfalls eine der ältesten Kirchen Brasiliens und ebenfalls von den Holländern 1631 in Brand gesteckt. Aus diesem Grund, und anderen Motiven, präsentiert das Gebäude unterschiedliche Stylarten, sowohl in seiner Architektur als auch in seiner Innenausstattung. So ist zum Beispiel im 18. Jahrhundert ein Glockenturm aufgesetzt worden, der nicht so recht zum alten Kolonialstil passen will und der sehr schöne Hauptaltar, im besten Brasil-Barock, gehört ebenfalls einer späteren Zeit an. Aber, wenn man nicht direkt ein Stylfetischist ist, können einen die verschiedenen Teile dieser Kirche, als Einzelkunstwerke, durchaus beeindrucken. Zum Beispiel die Sakristei: ist die am reichsten ausgestattetste aller Kirchen von Olinda.

Vergoldetes Schnitzwerk, Kristallspiegel und kostbare Painele, die das Leben des heiligen „São Bento“ darstellen. Die Türen der Sakristei sind mit kostbaren, von Halbedelsteinen eingefassten Polstern, verstärkt.

Convento de São Francisco (1585)
Befindet sich in der „Ladeira de São Francisco“, im Stadtteil „Carmo“. Dieser architektonische Gesamtkomplex besteht aus der Kirche „Nossa Senhora das Neves“, der Kapelle „Capela de São Roque“ und dem mit importierten Kacheln verzierten Kloster „São Francisco“ und seiner herrlichen Sakristei. Es ist das älteste Franziskaner-Kloster Brasiliens. Die Kirche wurde von den holländischen Besatzern angezündet (1631) und noch im 17. Jahrhundert wieder rekonstruiert. Vor dem Kloster steht ein Kreuz aus Arenit, der von einem der dem Festland vorgelagerten Riffe stammt. Die Kirchendecke präsentiert Gemälde aus dem 18. Jahrhundert.

Wer für Kunst und Kunsthandwerk etwas übrig hat, der kann in Olinda buchstäblich vor Entzücken überschnappen! Einige der besten Künstler und Kunsthandwerker Brasiliens arbeiten hier, meistens unter freiem Himmel in den schmalen Gassen der historischen Stadt. Gemälde, Holzschnitzerei, Konfektion der Riesenpuppen, Steinskulpturen, Karnevalsmasken, Holzschnitte – alle erdenklichen Kunstrichtungen und Kunsthandwerksarten sind hier vertreten – es ist als ob Olinda sie alle inspiriert.

Der Mercado de Varadouro
Befindet sich gleich am Eingang zur Stadt. In historischen Zeiten war er einmal Amtssitz der königlichen Zollinspektion – hier verkaufte man importierte Güter und Produkte aus Europa.

Damals wurden die feinen importierten Stoffe und Kleider auf Bügeln aus Holz aufgehängt, deren Enden mit Gold überzogen waren, zum Schutz des feinen Gewebes, daher der Name des Marktes (Vara d’Ouro = vergoldeter Stab). Hier kauft man heute Kunsthandwerk aus allen Teilen Brasiliens und kann an Sonntagnachmittagen eventuell einer „Maracatu-Gruppe“ vor dem Gebäude begegnen. Der Markt befindet sich in der „Avenida Sigismundo Gonçalves“, im Stadtteil „Varadouro“ in Olinda.

Wer durch Recife kommt und nicht die sieben Kilometer nach Olinda fährt, begeht eine touristische Sünde. Und es sind bestimmt nicht nur die Kirchen, weshalb man sich hierher bemühen sollte. Vielmehr ist es die authentische historische Kulisse, die man gesehen haben sollte – den Komplex als Ganzes. Man erwartet tatsächlich jeden Moment die Zechbrüder um eine der Fassaden wanken zu sehen, über die sich Pater Cardim so aufgeregt hat. Der „Mercado da Ribeira“ – der ehemalige Sklavenmarkt aus dem 16. Jahrhundert – sieht noch genauso aus wie zu historischen Zeiten, und die Händler gleichen denen auf den alten Gemälden und Stichen. Heute verkaufen sie allerdings Holzschnitzereien, Lithografien und viele andere kunsthandwerkliche Dinge. Direkt vor diesem Markt befinden sich die Ruinen des antiken Senats, wo im Jahr 1710 Bernardo Vieira de Melo jenen „ersten Schrei“ zugunsten einer „Republik Brasilien“ ausgestossen hat. Der Markt liegt in der „Rua Bernardo Vieira de Melo“ im Stadtteil „Ribeira“ in Olinda.

Neu in Olinda ist, dass die Stadt ihren Besuchern inzwischen eine ganze Kette von exzellenten Restaurants, Bars und Hotels anbieten kann und sich gerade als das neue gastronomische Zentrum des Stadtbereichs Recife distinguiert, zum Wohle der Hundertschaften von Besuchern, die sich täglich auf seinen Strassen und Plätzen am kolonialen Ambiente erfreuen – aber nicht nur für die!

Apropos Ambiente: die kulturelle Vitalität innerhalb der antiken Gebäude ist überall präsent – unzählige Ausstellungen, Festivals, Shows und Workshops stehen dem Publikum offen – man hat Gelegenheit, Werke von internationalem Renomée und ihre Schöpfer kennen zu lernen, die hier in den insgesamt über 70 Ateliers von Olinda wirken. Kein Wunder also, dass in einem solchen Klima auch ganz besonders kreative Feiern und Feste entstehen – das kreativste und beliebteste ist der „Carnaval de Olinda“.