Lampião – Held oder Bandit?

Veröffentlicht am 19. Oktober 2009

Wie bei allen Legenden, mit ihrer Tendenz sich grösser darzustellen als die simplen Fakten, enthält die Saga des Lampião, aus dem Nordosten Brasiliens, sämtliche Elemente von Abenteuer, Romantik, Gewalt, Liebe und Hass der grossen Geschichten der Menschheit.

Virgulino Ferreira da Silva (volkstümlich „Lampião“) wurde am 4. Juni 1898 in Passagem das Pedras, im Distrikt Villa Bella (heute Serra Talhada), einem kleinen Flecken des nordöstlichen Sertão im Bundesstaat Pernambuco, geboren. Durch den Mord an seinem Vater, dessen Schuldige er in Stücke hackte und den Geiern zum Frass vorwarf, wurde er ins kriminelle Abseits gedrängt und entwickelte sich zum gefürchtetsten „Cangaceiro“ aller Zeiten (der Name stammt aus dem nordöstlichen Volksvokabular und bezeichnet Gesetzesbrecher, die in organisierter Form, am Anfang des vergangenen Jahrhunderts, den brasilianischen Nordosten unsicher machten).

Lampião und seine Bande durchstreiften sieben Bundesstaaten der Nordost-Region während der 20er und 30er Jahre – sie brachten Blut, Tod und grosse Furcht über die Bevölkerung des Sertão. Sie bedeuteten, darüber hinaus, auch grosse Schwierigkeiten und Probleme für die Wirtschaft des Interiors aller Nordoststaaten, und ihre Geschichte ist bis heute ein mysteriöses Gemisch aus Wahrheit und grenzenloser Übertreibung.

Anfang der 30er Jahre verfolgten ihn mehr als 4.000 Soldaten – in den verschiedenen Bundesstaaten. Seine Bande war zu dieser Zeit um die 50 Mitglieder stark – unter ihnen sowohl Männer als auch Frauen. Er selbst wurde von der hierzulande überall bekannten Maria Bonita begleitet – einer kühnen und entschlossenen Kämpferin aus gleichem Schrot und Korn. Die Bande stand auf freundschaftlichem Fuss mit verschiedenen Fazendeiros (Grundbesitzern), die ihnen im Gegenzug Unterkunft und Verpflegung gewährten und sie auch materiell unterstützten.

João Bezerra da Silva, ein junger Offizier aus Pernambuco, im gleichen Alter wie der Räuber, entwickelte sich zu seinem Erzfeind – nach mehreren Zusammenstössen, die jedes Mal mit der Niederlage und dem Rückzug der Soldaten endeten, überrascht seine Soldateska Lampião, seine Geliebte Maria Bonita und noch neun andere seiner Bande in einem Hinterhalt bei Angico, im Bundesstaat Sergipe, am 28. Juli 1938 – nach einem nur etwa 15 Minuten dauernden Gefecht waren alle Räuber tot. Dies war die von Bezerra offiziell verbreitete Version – aber es war ganz anders. (Lesen Sie, was die Historiker über die Saga des Lampião herausgefunden haben). Die Soldaten schnitten den Leichen die Köpfe ab und stellten sie später, zusammen mit ihren Kleidungsstücken und ihrer Bewaffnung, öffentlich zur Besichtigung aus.

Lampião wird heute noch verehrt und gehasst – mit derselben Intensität! Und sein Andenken lebt in der Fantasie des Volkes weiter. Mehr als 60 Jahre nach seinem Tod ist er zum Märtyrer einer von Reichtum und politischer Macht dirigierten Ära und ihres korrupten Polizeiapparats geworden, unter dem auch das einfache Volk Furchtbares erdulden musste – und deshalb verstanden sie ihn. Sein heutiger Einfluss auf die Kunst, Musik, Malerei, Literatur und das Kino ist schlicht beeindruckend. Der brasilianische Film „O Cangaceiro“, der einen Ausschnitt aus dem nordöstlichen Cangaço beleuchtet, wurde auch in den europäischen Kinos gezeigt.

nach obenWIE ES BEGANN

Schon die historischen Aufzeichnungen über die genaue Geburt des illustren Räubers gehen auseinander – eigentlich nicht verwunderlich in einer Gegend, in der es noch heute schwierig ist, ein neugeborenes Kind zu registrieren, denn entsprechende Gemeindezentren und Amtsstuben verlangen von den Eltern einen oft tagelangen Kräfte zehrenden Fussmarsch durch den trockenen Sertão. Was Wunder also, dass man sich mit dem Geburtsregister Zeit gelassen hat: die verschiedenen angenommenen Daten seiner Geburt differieren bis zu einem ganzen Jahr.

Der kleine Virgulino war der zweite Sohn von José Ferreira da Silva und seiner Frau Maria Lopes dos Santos. Die beiden hatten insgesamt neun Kinder – fünf Knaben und vier Mädchen. Der alte José Ferreira arbeitete als fliegender Händler in der Umgegend – verkaufte den Nachbarn allerlei notwendige Utensilien, die er mit einem Trupp Esel transportierte. Die Jungen halfen dem Vater bei seinem Geschäft, während die Mädchen zuhause der Mutter zur Hand gingen und sich im Herstellen von Klöppelspitze übten. Die Familie besass auch ein paar Haustiere, Ziegen und Kühe, die sich selbst ihr Futter in der Weite der kargen Caatinga suchen mussten. Ab und an wurde eins der Tiere geschlachtet – dann war es Aufgabe der Söhne, es einzufangen. Dieses Training im Umgang mit den halbwilden Rindern und seine Erfahrung mit der Buschwildnis der Caatinga, machten aus Virgulino bald einen tüchtigen und viel bewunderten Vaqueiro – einen Cowboy des Nordostens. Ausserdem verstand er es wie kein anderer, halbwilde Pferde zuzureiten – er war so geschickt, dass man ihn sogar als Zureiter auf Fazendas in der Nachbarschaft verpflichtete.

Das Leben seiner Familie verlief vorläufig ohne nennenswerte Zwischenfälle, und ihrer aller Arbeit war die Grundlage einer sehr bescheidenen Existenz. Das Studium der Kinder, auch in Anbetracht der vielen notwendigen Arbeiten und des Mangels einer Schule in ihrer Gegend, wurde vorläufig nicht als relevant angesehen. Allerdings, im Alter zwischen sieben und zehn Jahren, lernte der kleine Virgulino ein bisschen Lesen und Schreiben in der Schule von Domingos Soriano und Justino Nenéu – beides Lehrer aus Nazaré, einem Flecken in der weiteren Umgebung des Elternhauses. Virgulinos Geduld mit der Schule währte jedoch nicht länger als drei Monate. Man erzählt sich, dass er damals zu einem seiner Onkel, Mané Lopes, gesagt haben soll: „Um Vaqueiro zu sein genügt, was ich kann“! Und das war es, was er unbedingt werden wollte.

An die elterliche Fazenda Passagem das Pedras grenzte ein anderer Besitz, die Fazenda Pedreira des reichen und politisch engagierten Saturnino Alves de Barros. Dieser hatte zwei Söhne und einer von ihnen, José Alves de Barros, den man in der Gegend nur „Saturnino das Pedreiras“ nannte, gilt als eigentlicher Urheber der ganzen Intrige, die drei der Söhne der Familie Ferreira dazu trieb, sich dem „Cangaço“ (Räuberleben) anzuschliessen und das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen: Virgulino, Antônio und Livino. Neid, politische Gegnerschaft, Ignoranz und der Verdacht des Viehdiebstahls waren die zündenden Funken zwischen den beiden Familien, welche vorher sogar durch Einheirat und Patenschaften miteinander verbunden gewesen – sie brachten ein Pulverfass zur Explosion, das den gesamten Sertão der 20er Jahre in ein blutiges Schlachtfeld verwandelte.

Um das Jahr 1915, als eine der fatalsten Dürren den Sertão heimsuchte, verschwanden ein paar Ziegen aus dem Besitz der Ferreiras. Bei Nachforschungen, durchgeführt von Virgulinos Onkel, Mané Lopes, dem damaligen Polizeiinspektor der Gegend, fand man die Felle der verschwundenen Ziegen im Quartier eines Angestellten der nachbarlichen Fazenda des José Saturnino. Man verhaftete den Dieb und sperrte ihn ins Ortsgefängnis. Aber der Sohn des Nachbarn, Saturnino das Pedreiras, fühlte sich beleidigt durch die Art und Weise wie man einen ihrer Angestellten behandelt hatte und reagierte unerwartet: mit Hilfe des Prestiges seines Vaters und der politischen Verbindungen seines Schwiegervaters, gelang ihm die Freilassung des verhafteten Diebes und, darüber hinaus, auch gleich die Absetzung des Mané Lopes – dessen Platz im Präsidium er fortan selbst einnahm.

Jetzt war er das Gesetz, und er missbrauchte es, um die Familie Ferreira zu provozieren und zu triezen, wann immer sich ihm Gelegenheit dazu bot. So erschien Saturnino einmal auf dem Besitz der Ferreiras, um deren Söhne des Diebstahls von ein paar Kuhglocken zu bezichtigen, die von den Hälsen seiner Tiere verschwunden waren. Und so ging es weiter – Provokationen und Beschuldigungen wechselten von einer Seite auf die andere – die Gemeindemitglieder befürchteten das Schlimmste. Also fanden es ein paar einflussreiche Männer an der Zeit, zwischen den verfeindeten Parteien zu vermitteln: Kriegsveteranen, Richter, Gutsbesitzer und Geistliche unterschrieben eine Vereinbarung, nach der es beiden Familien zukünftig untersagt war, das Gebiet der anderen zu betreten: Saturnino das Pedreiras war verboten, sich im Ort Nazaré blicken zu lassen, welcher näher zum Besitz der Ferreiras lag, und diese wiederum durften die Ländereien der Saturninos nicht mehr durchqueren.

Doch der vermeintliche Friedensvertrag war von kurzer Dauer. Saturnino und einige seiner Angestellten erschienen plötzlich auf dem Markt von Nazaré, bis unter die Zähne bewaffnet, um einen Geldbetrag von einem Schuldner einzutreiben – und sie malträtierten den Mann vor allen Leuten – auch die Ferreira-Brüder waren zugegen. Entrüstet über den Vertragsbruch stürmten diese zum Haus des Lehrers Domingos, um ihre Waffen zu holen, (Teil des Friedensvertrags war nämlich, die Waffen im ersten Haus am Ortsrand zurück zu lassen und stets unbewaffnet den Ort zu betreten). Von dort aus beeilten sie sich, den Männern Saturninos vor dem Ort aufzulauern. Nach einem kurzen Schusswechsel gelang es diesem zu entkommen.

Kurze Zeit später ein neues Abkommen. Und diesmal wurde es von Virgulino selbst gebrochen: Weil er eine kranke Tante im Distrikt von Triunfo besuchen musste, durchquerte er das Land des Erzfeindes. Wieder eine Schiesserei – wieder alles umsonst – man sah es ein, diesem Zerwürfnis war nicht mit Verträgen beizukommen.

Schliesslich veranlassten diese Probleme, Verfolgungen, Hinterhalte und Schiessereien den alten José Ferreira, einen Umzug seiner Familie aufs Land seiner Schwiegermutter, Dona Jacosa, in die Wege zu leiten, deren Besitz nur ein paar Léguas (eine Légua = 5,5 km) von seinem eigenen entfernt lag. Er verkaufte sein Land für einen Pappenstiel, nur um sich von den Intrigen Saturninos zu befreien. Jedoch dessen Verfolgungen gingen weiter, und der alte Mann entschloss sich zu einem weiteren Umzug – diesmal verliess er seine Heimat Pernambuco, um sich im Nachbarstaat Alagoas ein neues Leben aufzubauen. Dort fand er Arbeit auf einem Stück Land, das ihm nicht gehörte – der Flecken hiess Agua Branca – und Virgulino bekam einen Job bei einem lokalen Grossgrundbesitzer: er belieferte die umliegenden Orte mit Häuten von dessen Fazenda. Der böse Saturnino jedoch verlor keine Zeit, ihnen auch dort die Hölle heiss zu machen: indem er die Familie Ferreira bei der örtlichen Polizeibehörde denunzierte – und das tat er schriftlich, mit diffamierenden Briefen.

Virgulinos Mutter, Dona Maria Lopes, erschöpft vom Lebenskampf und verängstigt durch jene kontinuierlichen Verfolgungen, starb an einem Herzanfall am 14. April 1920. Sie wurde von ihrer unglücklichen Familie beerdigt. Vater José beschloss erneut umzuziehen. Und nachdem seine Familie vorübergehend das leer stehende Haus eines Freundes bezogen hatte – an einem Ort mit Namen Engenho – sahen sie sich eines Morgens plötzlich von einem Polizeikordon umzingelt, dessen Leutnant nach den Brüdern Ferreira fahndete, um einer anonymen Anzeige nachzugehen, die behauptete, dass diese sich einer Bande von Räubern mit Namen „Porcinos“ angeschlossen hätten.

Vater José befand sich gerade beim Mais raspeln auf der Veranda des kleinen Häuschens, als er von jenem Leutnant José Lucena angefahren wurde, seine Söhne heraus zu geben (dieser Leutnant Lucena wurde später Lampiãos Erzfeind). Während der folgenden Diskussion, ohne dass der Alte ihn je bedroht hätte und ohne irgendwelche Vorwarnung, schoss der Lucena ihn aus nächster Nähe in die Brust und tötete den Greis. Das war am 22. April 1920. Man benachrichtigte Virgulino von der Tragödie – und zusammen mit seinen Brüdern begrub er den armen Vater. Nach dem Begräbnis versammelte Virgulino die Reste seiner Familie um sich und entledigte sich demonstrativ seiner schwarzen Kleidung, die er seit dem Tod der Mutter zum Zeichen seiner Trauer zu tragen pflegte. Dann bestimmte er den jüngsten Bruder João zum Hüter seiner jüngeren Geschwister und, gemeinsam mit Antônio und Livino, den Älteren, schwor er, sich an denen zu rächen, die jene Tragödie verschuldet hatten. Damals schrie er ausser sich vor Wut und Schmerz: „Ich werde nicht eher ruhen, bis ich jene gefangen und gerichtet habe, die uns das angetan. Und wenn ich den ganzen Bundesstaat Alagoas dafür anzünden müsste“!

Und dann traten sie tatsächlich jener Räuberbande bei, die sich „Porcinos“ nannte – und mit ihnen bereiteten sie einen ersten Angriff auf die Polizeitruppe des Leutnants Lucena vor. Am 20. Juni 1921 fallen die Ferreira-Brüder wie tollwütige Hunde über die Männer von Lucena her und töten mehrere von ihnen – ihr Kommandant aber entkommt. Von diesem Tag an beginnt Lucena seinen Feind zu fürchten – bezeichnet ihn als listig und verschlagen, und hebt sogar seinen Mut im Gespräch mit seinen ihm untergeordneten Sergeanten hervor. Virgulino hingegen ist auf der Hut vor der überlegenen Bewaffnung des Feindes und vermeidet die offene Schlacht, in der ihm der Gegner zahlenmässig weit überlegen ist. Schon am Anfang seiner Karriere fällt er auf durch die strategische Brillanz seiner Aktionen, aber auch durch seine gnadenlose Härte gegenüber seinen Gefangenen, getrieben von einem unbeschreiblichen Hass auf die Polizei.

Die Porcinos lösen sich auf – auch Virgulinos Onkel Antônio entschliesst sich, die Gruppe zu verlassen – die Ferreira-Brüder schliessen sich der „Sinhó-Pereira-Bande“ an, deren Anführer im Jahr 1922, auf Gesuch des Padre Cícero (siehe entsprechendes Kapitel in Ceará), ebenfalls die Waffen niederlegt und nach Goiás flüchtet. Nunmehr trägt man Virgulino die Führung der Pereira-Gruppe an, und fortan kennt man ihn nur noch unter seinem Spitznamen „Lampião“ – wegen der Schnelligkeit, mit der er sich unter den Feinden freischiesst – „als ob man eine Lampe (Lampião) angezündet hätte“, so sagen seine Bewunderer – und manch einer seiner Feinde stimmt dem zu.

Im Jahr 1926 wird Lampião vom Padre Cícero in Juazeiro/Ceará gebeten, jener wehrhaften Gruppierung um den Kommunisten Júlio Prestes Einhalt zu gebieten, die sich, um die 1.000 Mann stark, im Sertão eingenistet hat. Dieses Gesuch vom „Padrinho“ wird sogar vom damaligen Präsidenten Artur Bernardes unterstützt, dessen Plan nach beiden Seiten Erfolg verspricht: Entweder räumt Lampião mit den Kommunisten auf oder die mit seiner Bande – beides ist dem Präsidenten nur recht. Lampião wird offiziell in den Rang eines Kapitäns der legalen Miliz erhoben und erhält eine Menge Waffen, Munition, Uniformen und Verpflegung für seine Männer. Jedoch, wie zu erwarten, wird er von den anderen Offizieren nicht gerade freundlich empfangen, die auch sein ihm verliehenes Offizierspatent nicht anerkennen wollen. Enttäuscht über die ihm entgegengebrachte Ablehnung, weigert sich Virgulino, seine Aufgabe zu erfüllen – ausserdem hat er ja nichts gegen diesen Prestes. Seine Intelligenz mahnt ihn zum Rückzug aus diesem Vorhaben, und mit einem gewissen Sarkasmus konstatiert er: „Nun, da niemand mich hier herum haben will, werde ich meine Violine auf einer anderen Hochzeit spielen“!

nach obenDIE GUERRILHA

Lampião verstand es stets, innerhalb seiner Gruppe Eintracht und sogar eine gewisse Harmonie aufrecht zu erhalten. Er selbst gab sich einfallsreich und gütig mit den Seinen – aber grausam und gnadenlos mit seinen Feinden – von den einen respektiert und von den andern gefürchtet. Weil seine Bande immer grösser wurde und auch die entsprechenden Unterhaltskosten stiegen, entschloss er sich, seine Anhänger auf Untergruppen zu verteilen, denen er seine mutigsten und vertrauenswürdigsten Männer als Führer voranstellte. Die verteilten sich auf verschiedene Gebiete und erweckten bei ihren Überfällen den Eindruck, dass Lampião wie ein Magier an mehreren Stellen gleichzeitig aufzutreten verstand, zumal seine Komparsen in ihrer ledernen Vaqueiro-Kleidung alle dasselbe Bild abgaben, der Polizei dieselben Schmährufe entgegenschmetterten, dasselbe Lied sangen (die „Mulher Rendeira“ – als Hymne des Cangaço berühmt geworden und Themen-Song des Films „O Cangaceiro“) und, vor allem, ihren obersten Führer Lampião stets hochleben liessen, so als befände er sich immer unter ihnen.

Lampiãos Guerrilha-Taktik überraschte auch erfahrene Kommando-Offiziere der Polizei immer wieder: Um sich ihren Verfolgern zu entziehen, benutzten seine Männer zum Beispiel Sandalen, deren schmalere Seiten (Absätze) nach vorne zeigten, die breiteren nach hinten – so lockten sie den Feind in die falsche Richtung. Seine besten Schützen pflegten die vorderen Linien zu besetzen und zu halten, während ein anderer Teil seiner Bande den Feind umging und dann von hinten angriff. Meister in dieser Einkesselungstaktik war sein Bruder Antônio. Wenn er alle seine Leute zusammen hatte – zeitweise mehr als 200 Männer – gelang ihm sogar ein zusätzlicher Einschluss des Feindes von den Flanken her – dann drehten die Soldaten in der Regel völlig durch und suchten ihr Heil in kopfloser Flucht – besonders die aus Alagoas, die Lampião selbst als „Cabras frouxos“ (Weichlinge) bezeichnet hat.

Die grosse Mehrheit von Lampiãos Verbrechen gründete auf seinem auch über die Jahre unstillbaren Rachedurst. Und wenn er sein Opfer vor sich hatte, kostete er seine Rache auf jede erdenkliche grausame Art und Weise aus. Diese seine Grausamkeit wurde zum Markenzeichen seiner Aktionen, mit denen er auch das gemeine Volk in Angst und Schrecken versetzte – es genügte, dass jemand seinen Namen aussprach, um sämtliche Leute drum herum unter hysterischen Schreien in die Flucht zu schlagen. Allerdings muss man darauf hinweisen, dass viele Terror-Techniken damals erst von der berittenen Polizei perfektioniert worden sind, die einen schlimmeren Ruf hatte als die Räuber selbst – und ihre perversen Folterungsmethoden fürchtete man weit mehr als die Cangaceiros.

Für Waffen und Munition des täglichen Bedarfs hatten die Räuber ihre Lieferanten – sie versicherten sich des Wohlwollens und der heimlichen Zusammenarbeit verschiedener Obrigkeiten – in einigen Fällen hatten sie sogar Anhänger unter den Kommandierenden der Polizei, die mit den Cangaceiros blühenden Handel trieben, indem sie Waffen gegen einen horrenden Aufpreis weiter verschoben. Das Geld dafür nahm Lampião reichen Grossgrundbesitzern ab. Der Cangaço wurde für manchen vermeintlich honorigen Bürger zur Goldgrube!

Die von den Cangaceiros meist gebrauchten Waffen waren die Winchester 44 und die Pistole „Comblain“. Mit Lampiãos Eintritt ins vaterländische Batallion durch die Intervention des Padre Cícero, erhielten seine Männer das damals modernste deutsche Schnellfeuergewehr „Mauser 1908“ – die exklusive Waffe des brasilianischen Heeres und der Bewaffnung der Polizei weit überlegen.

Die Räuber amüsierten sich oft über die teils recht unbeholfenen Polizeisoldaten, die zum grössten Teil von der Küste stammten und sich in der trockenen Caatinga nicht auskannten. Schiessereien mit ihnen konnten Stunden dauern oder auch in wenigen Minuten zu Ende sein. Fühlte Lampião sich der Truppe unterlegen, liess er seine Gruppe den Rückzug antreten – aber so, dass es der Feind nicht merkte. Mit einem kurzen Pfiff, einem trockenen Schuss aus der Pistole oder nur mit einem Augenblinzeln verstand es der Anführer, die ganze Bande vortrefflich zu dirigieren, und oft lagen die Soldaten noch Stunden in ihren Verschanzungen gegenüber dem vermeintlichen Feind, während dieser sich schon viele Léguas vom Kampfgeschehen entfernt hatte. Oder sie schwärmten plötzlich aus und schlichen sich zum Ausgangspunkt der Schlacht auf beiden Seiten zurück, um die Soldaten von hinten anzugreifen, während die immer noch auf den vermeintlichen Feind vor ihnen schossen.

Seine Kameraden, die Soldaten und auch das Volk im Allgemeinen glaubten, dass Lampião einen „Corpo fechado“ besitze – einen Körper, der unverletzbar sei. Und seine geradezu mystische Art und Weise, wie er agierte, seine besondere Art zu sprechen, und sein umsichtiges Verhalten als Führungsperson, sicherten ihm den Respekt aller. Es gibt verschiedene Berichte über seine unglaubliche Intuition, seine fast hellseherische Voraussicht, seine Vorahnungen, die manches Mal seine Männer vor bösen Überraschungen gerettet haben. So sprang er einmal während des Abendbrots auf einer ihnen Unterschlupf gewährenden Fazenda vom Tisch auf und drängte seine widerstrebenden Kumpane zum sofortigen Aufbruch – Minuten später erschien eine Polizeitruppe an demselben Ort. Lampião besass einen sechsten Sinn für Gefahr.

Und er glaubte an Träume und die Vorsehung. Er war abergläubisch und pflegte die Träume seiner Kumpane wie auch seine eigenen zu interpretieren. Damals war auch der Glaube an übernatürliche Phänomene weit verbreitet – und besonders unter den Bewohnern des Nordostens hat sich in dieser Hinsicht bis heute kaum etwas geändert. Der Freitag jeder Woche war für Lampião ein heiliger Tag – dann fastete er und traf sich mit seinen Kumpanen zum Gebet. Genau zur Mittagsstunde und genau um Mitternacht – in Momenten die vom Volk „Horas mortas“ (tote Stunden) genannt werden – kniete er nieder, bekreuzigte sich und sprach ein kurzes Gebet – egal, ob er gerade in eine Schiesserei verwickelt war oder nicht. Und diese Haltung brachte ihm nicht nur die Bewunderung seiner Kumpane sondern auch die der Soldaten ein. Um seinen Hals trug er stets kleine Säckchen mit eingewickelten Gebeten. Niemals hat er einen Padre gefoltert oder getötet, und nie hat er Geld von der Kirche geraubt. Er verbot seinen Leuten sogar in Richtung auf Kirchen oder Kapellen zu schiessen, was manchem Flüchtling das Leben rettete. Lampião besass einen starken Glauben. Stets bat er die Mutter Gottes um eine zielsichere Hand, bekreuzigte sich jedesmal, wenn er getroffen hatte und empfahl die Seele seines getöteten Feindes ihrer Barmherzigkeit.

Hielt sich die Bande auf der Fazenda eines ihrer heimlichen Anhänger auf, gab es für sie reichlich zu essen: Schweine- und Rinderbraten, Buchada (Hammelinnereien im Magensack gekocht), gekochtes Huhn, einen gegrillten Ziegenbock – die Gutsbesitzer bewirteten die Räuber mit allem, was sie aufbieten konnten, erhielten sie sich damit doch ihr Wohlwollen. Waren die Cangaceiros unterwegs in der Caatinga, hatten sie ihre umgehängten Lederbeutel mit den verschiedensten Nahrungsmitteln gefüllt – dann machten sie irgendwo ein Feuer mit dem herumliegenden dürren Holz – und wenn sie sich verstecken mussten, garten sie Fleisch in einer abgedeckten Grube und benutzten ihre Hüte, um den nach aussen dringenden Rauch zu verteilen. Und wenn sie verfolgt wurden und keine Zeit blieb, um zu rasten, dann assen sie, was sie gerade in den Satteltaschen hatten, aus der Hand: Waldfrüchte, zerkleinerte „Rapadura com Farinha“ (Rohzucker vom Block, mit Maniokmehl gemischt) und „Carne de Sol“ (Trockenfleischstreifen) – diese Notrationen führten sowohl Cangaceiros als auch die „Volantes“ (Polizeitruppen) zu jener Zeit stets mit sich, und an ihrem Gürtel baumelten Kalebassen, Trinkbecher und leere Büchsen zur Aufnahme von irgendwelchen Nahrungsmitteln, die man unterwegs auftreiben konnte.

Das Zuhause der Cangaceiros war die Natur. Lampião verbrachte fast zwanzig Jahre seines Lebens in Verstecken sympathisierender Fazendeiros, in Erdlöchern, in Höhlen und in Camps inmitten der halbtrockenen Caatinga – eine Satteldecke auf der Erde und ein Tuch zum Einwickeln war alles, was man zum Ausruhen brauchte – oft übernachteten seine Leute sogar festgebunden auf den Astgabeln von Bäumen, um den Feind zu täuschen. Sie waren Meister der Anpassung an dieses harte Leben in der kargen Natur des Sertão, und es war ihre unglaubliche Fähigkeit zur Mimikry – zum spurlosen Verschwinden in der dürren Vegetation der Caatinga – welche sämtlichen Versuchen der von sieben Staaten des Nordostens entsandten Volantes fast zwanzig Jahre lang nur Verluste und einen Misserfolg nach dem anderen einbrachte.

Und die Hygiene? Es gab keine. Denn Wasser war selten in der Caatinga – und das brauchte man zum Trinken. Nicht einmal zum Händewaschen oder zum Reinigen des Essgeschirrs war genug Wasser da. Und weil man zum Baden nur selten Gelegenheit hatte, pflegte man verschiedene Kleidungsstücke übereinander zu tragen. War das oberste Kleidungsstück verschmutzt und zerrissen von den Dornen der Caatinga, warf man es einfach weg und benutzte das nächste. Um den Gestank und den Schweissgeruch zu unterdrücken übergossen sie sich mit Parfum – sogar ihre Pferde rieben sie mit Parfum ein – und wenn sie dann in ein Dorf einritten und jene Parfumwolke ihnen vorauseilte, suchte jedermann erst einmal sein Heil in der Flucht, die Familien versteckten ihre reiferen Töchter, denn es war allgemein bekannt, dass die Cangaceiros hübsche Mädchen, die ihnen gefielen, einfach mitzunehmen pflegten.

In der Regel wurden sie vom einfachen Volk aber durchaus mit offenen Armen empfangen – oft jubelte man ihnen sogar zu. Mag sein, dass unter der jubelnden Menge auch einige heimlich ihre Faust in der Tasche ballten oder den Griff ihrer Machete umklammerten – aber das Gros des Volkes brachte seinen Beifall über Lampiãos Engagement gegen die Feudalherrschaft der reichen Grossgrundbesitzer zum Ausdruck – gegen den Staat, von dem sie keine Hilfe zu erwarten hatten und gegen die noch verhasstere Polizei, denen sie schlimmere Verbrechen nachsagten als den Cangaceiros selbst.

Wenn es den Räubern in einem Ort gefiel, liessen sie ein Fest oder einen Ball organisieren – mit einem Akkordeonspieler und schönen Frauen – sie rauchten, tranken und spielten um Geld. Lampião selbst verlor grosse Summen bei diesen Kartenspielen. Seine Männer tanzten mit den Mädchen und Frauen und respektierten sie, und Lampião pflegte seine Zeche und die seiner Männer stets zu bezahlen, wenn er bei Freunden zu Gast war.

Wann immer es ihnen möglich war, bewegten sich die Cangaceiros zu Pferd durch die Caatinga. Diese Tiere konfiszierten sie von Fazendas, an denen sie vorbei kamen. Hatten sie Geld, wurden die Tiere sofort bezahlt, hatten sie keins, wurde deren Besitzer auf später vertröstet. Die Männer mochten Brillen, so wie ihr verehrter, etwas kurzsichtiger, Anführer – besonders solche mit dunklen Gläsern hatten es ihrer Eitelkeit angetan – natürlich sagten sie, dass es zum Schutz gegen die grelle Sonne sei. Und sie liessen sich liebend gern fotografieren. Lampião bezeichnete seine Gruppenführer als „Compadres“ (Gevatter) – und jeder Kumpan, der eines Tages von ihm mit Compadre angeredet wurde, wollte vor Stolz schier platzen, denn das bedeutete Prestige unter seinen Genossen. Alle Mitglieder der Bande pflegten an ihren Fingern die verschiedensten Ringe zu tragen. Wenn einer von ihnen starb, gab man einem andern seinen Namen, und dieser übernahm auch sämtliche Utensilien des Verstorbenen – mit dieser Strategie gelang es Lampião, eine Legende von der Unverwundbarkeit seiner Männer zu schaffen.

Wehe dem Feind, der in ihre Hände fiel – besonders, wenn es sich um einen Verräter ihrer Sache handelte. Sie schnitten ihm die Zunge bei lebendigem Leibe heraus, erdolchten oder erhängten ihn dann. Lampião hasste Verräter und Polizei gleichermassen. Er sah mit an, dass sein Bandenmitglied Zé Baiano den Frauen seiner Feinde Gesicht und Haut zerschnitt – aber auch seine eigene Frau misshandelte, weil sie sich die Haare kurz geschnitten und eine andere, weil sie sich geschminkt hatte. Man erzählt sich, dass Lampião einen seiner Männer eine Handvoll Salz schlucken liess, weil dieser über das Essen im Haus befreundeter Gastgeber gemeckert hatte.

Nachdem Lampião sich im Jahr 1929 eine feste Partnerin zugelegt hatte – man nannte sie „Maria Bonita“ (die schöne Maria), entschlossen sich einige der Unterführer, ihre Frauen ebenfalls mit sich zu nehmen, und wer noch keine hatte, holte sich eine aus irgend einem der Orte unterwegs – auch gegen den Widerstand der Familie oder gegen ihren eigenen Willen. Anfangs widerstand die geraubte Schöne der Werbung ihres Räuberkavaliers – aber mit der Zeit gewöhnte sie sich und wurde eine neue Cangaçeira – was man in diesem Fall durchaus als „Räubersbraut“ übersetzen kann. Obwohl viele Zungen das Gegenteil behaupten, ist es doch verbucht, dass viele dieser Cangaçeiras freiwillig, und einige sogar verliebt in ihren Mann, dieses Räuberleben auf sich nahmen – wie zum Beispiel Maria Bonita, Cila, Adília und andere.

Die geschlechtliche Vereinigung wurde daselbst in der freien Natur praktiziert – ganz in der Nähe der übrigen Gruppe, die Geborgenheit und Sicherheit bedeutete. Hinter einem Gebüsch, unter einer Decke, mit Stöhnen und Lustschreien, die bis zur Gruppe herüber drangen. Die anderen Mitglieder unterhielten sich oder beschäftigten sich derweil mit anderen Dingen – voller Respekt, wagten sie nicht einmal einen Blick in Richtung des Geschehens. Überhaupt war der gegenseitige Respekt Grundlage der Harmonie innerhalb der Truppe – nicht zuletzt geboren aus der Furcht, jemanden zu missfallen und so entsprechende Vergeltungsmassnahmen auf sich zu ziehen.

So nimmt es auch nicht Wunder, dass es unter den Frauen der Cangaceiros nur einen einzigen Fall von Untreue gegeben hat. Odília, die Frau von Zé Baiano, betrog ihn mit einem anderen Bandenmitglied, mit Namen Besouro. Als es rauskam, verschwand der Liebhaber und wurde nie mehr gesehen. Die Frau wurde von ihrem Mann mit einem Knüppel erschlagen – in Gegenwart der gesamten Bande, inklusive ihres obersten Anführers – der sich nicht einmischte und seiner eigenen Frau verbot, etwas dagegen einzuwenden.

Wenn einer der Cangaceiros starb, wurde seine Frau mit einem anderen Mann der Bande verheiratet – im Falle ihrer Weigerung hätte man sie ebenfalls töten müssen, da sie ein „lebendes Archiv“ darstellte. Cristina, die Frau eines Mitglieds mit Namen Portugues, war ein solcher Fall: nach dem Tod ihres Mannes weigerte sie sich einen Anderen zu nehmen und bestand darauf, nach Hause zurückzukehren. Unterführer Corisco schickte zwei seiner Männer mit, um sie sicher heim zu geleiten – auf dem Weg dorthin wurden sie von einer Gruppe unter Luiz Pedro angegriffen, und diesem gelang es, die Frau zu erschiessen. Wäre sie zu Hause von der Polizei verhört worden, hätte sie das Leben vieler gefährdet, denn sie besass Kenntnis von allen Tricks, Strategien und Verstecken – und sie kannte auch die Namen sämtlicher Sympathisanten, die mit der Bande heimlich in Kontakt standen und Geschäfte abwickelten.

Soweit diese kurze historisch verbürgte Betrachtung einer Räuberbande, die in den Dreissiger und Vierziger Jahren den Nordosten Brasiliens in Angst und Schrecken versetzte, und deren Verfolgung und endliche Auflösung Hunderte von Menschenleben gekostet hat. Nach dem Historiker Frederico Pernambucano, einem der grössten Autoritäten zum Thema Cangaço, war Lampião als Stratege und Heerführer seiner Zeit weit voraus. Sowohl in den kleinsten Details seiner sehr vielseitigen Angriffstaktik als auch in seiner vorbildlichen Führung wahrer Bestien von Männern, die sich unter seinem Kommando lammfromm benahmen, bewies er sein grosses Talent.

nach obenGEFECHTE

Folgende Gefechte der Cangaceiros waren von historischer Bedeutung:
Agua Branca (Alagoas) 28.06.1922
Nach dem Tod seines Vaters entschliessen sich Virgulino und seine beiden älteren Brüder ohne zu zögern, auf die Seite des Verbrechens zu wechseln und schliessen sich jener Bande der Porcinos an. Sie argumentieren, dass man sie nicht in Ruhe arbeiten lasse, sondern sie grundlos verfolge – dass sie sich ungerecht behandelt fühlten und sie deshalb Geld von jenen verlangen müssten, die solches im Überfluss gehortet hätten. Folgende Worte von Virgulino sind überliefert:

„Wir stehlen nicht, sondern wir bitten . . . wenn man uns allerdings nichts geben will, dann nehmen wir es uns“! Das war’s, was er mit jener Dona Joana Torres, der Baronin von Agua Branca gemacht hat: Er schickte ihr einen Boten mit der Bitte um eine gewisse Summe Geldes, um damit seine Gruppe zu unterhalten – nach diesem Gesuch wolle er sie nicht mehr belästigen. Die Greisin, deren Macht und Prestige in der Stadt jedermann kannte, beorderte eine Polizeischwadron zu ihrem Schutz und schickte Virgulino eine provokative Absage. Dieser verfiel auf einen Trick: liess seine Cangaceiros ihre Waffen in Hängematten wickeln, die sie dann auf ihrem Rücken in die Stadt trugen und verkündeten, sie trügen die (vermeintlichen) Leichen zur Bestattung auf den Friedhof. Lampião nahm die Stadt im Sturm und schloss alle Polizisten im Gefängnis ein, nachdem er ihre Gefangenen freigelassen hatte. Dann zitierte er die Baronin zu sich und marschierte mit ihr Arm in Arm demonstrativ durchs Stadtzentrum. Die Cangaceiros plünderten den Palast und bemächtigten sich einer grossen Summe Geldes sowie zahlreicher Gold- und Silbersachen.

Die Invasion von Belmonte (Pernambuco) 20.10.1922
Nachdem jener Räuberhauptmann Sinhó Pereira seine Gruppe an Virgulino abgegeben hatte, erbat er von ihm einen letzten Gefallen: die Stadt Belmonte anzugreifen und den dortigen Präfekten Luiz Gonzaga zu töten. Denn dieser hatte wenige Tage vorher ein Mitglied seiner Familie, den Fazendeiro Ioió Maroto, von einem Polizisten mit Namen Peregrino Montenegro öffentlich auspeitschen lassen – und zwar aus politisch oppositionellen Gründen. Virgulino entsprach dieser Bitte ohne zu zögern. Nachdem der Präfekt tot war, zog er sich mit seiner Bande zurück – sie schleppten ein paar Verwundete mit sich, und drei seiner Männer waren ebenfalls tot. Die Mörder des Präfekten waren die Cangaceiros Cajueiro und Livino – letzterer der Bruder Virgulinos. Der Körper des Präfekten wies eine grosse Zahl von Dolchstichen auf. Nach diesen beiden ersten grossen Angriffen gewann Lampião enorm an Respekt bei der Polizei aller Anrainerstaaten und die Saga vom unverwundbaren Cangaceiro nahm ihren Lauf unter dem einfachen Volk.

Der Überfall auf Souza (Paraíba) 27.07.1924
Im März 1924 zog sich Lampião eine Verletzung am rechten Fuss zu, als seine Bande im Bereich der Lagoa dos Vieiras von einem Polizei-Aufgebot, unter dem Kommando des Majors Teofanes Torres Ferraz, umzingelt wurde. Eine Kugel zerfetzte seine rechte Ferse, zwei seiner Kameraden retteten ihn und halfen ihm zu einem Versteck in der Serra das Paneladas, wo man sich auf der Fazenda eines seiner Sympathisanten um die Verletzung kümmerte.

Eine andere Polizeitruppe, unter dem Kommando des Sergeanten Quelé (Clementino Furtado) – der als ehemaliger Cangaceiro die Bande des Lampião wegen einer Auseinandersetzung mit einem seiner Unterführer verlassen hatte und der Polizei beigetreten war (!) – verfolgte ihn besonders hartnäckig, und es gelang ihm, Lampião in seinem Versteck aufzuspüren. Auf der Flucht brach seine Fusswunde wieder auf – er wurde vom Rest seiner Gruppe abgedrängt, und wie durch ein Wunder konnte er den Soldaten entkommen, indem er sich mitten im Gelände unter einem Haufen trockener Blätter verbarg.

Vier Monate später, Lampião erholte sich noch von seiner schweren Verletzung, entsprach er einem Gesuch eines seiner Leute, Chico Pereira, der eine Rechnung offen hatte mit der Familie Mariz: deren Oberhaupt, Otávio Mariz, hatte den Tod seines Vaters verschuldet. Hinzu kam die Beschwerde eines anderen Bandenmitglieds mit Namen Chico Lopes – ehemals Bodega-Besitzer in Souza, bevor er dem Cangaço beitrat – den derselbe Otávio von seinen Angestellten hatte zusammenschlagen lassen. Lampião beauftragte seinen Bruder Antônio Ferreira und einen seiner Unterführer Sabino mit dem Überfall, den diese so inszenierten, als befände sich Lampião selbst an ihrer Kommandospitze. Sie drangen in die kleine Stadt ein, fast ohne Widerstand – nur zehn Polizisten traten ihnen entgegen, suchten aber nach dem ersten Schusswechsel ihr Heil in der Flucht. Die Banditen zerschnitten die Telegrafenleitungen, zündeten verschiedene Regierungsgebäude an, unter anderen auch die Polizeistation, und hielten die Stadt vierundzwanzig Stunden lang besetzt. Dabei erbeuteten sie „200 Contos de Reis“, ein kleines Vermögen für die damalige Zeit.

Der bedeutende Faktor war die geistige Präsenz ihres obersten Anführers, der sich in Wirklichkeit weit weg vom Geschehen befand, und den viele Leute bereits tot geglaubt hatten – und wieder gab es neuen Stoff für die Legende seiner Unverwundbarkeit.

Das geraubte Geld dieses Überfalls wurde, wie immer, dem Coronel José Pereira aus Princesa in Paraíba anvertraut – er war Lampiãos Bank sozusagen. Und genau dieser Colonel verriet ihn später, als ihm nämlich das viele von den Cangaceiros angehäufte Geld zu Kopf stieg. Er musste seinen Verrat mit dem Leben bezahlen.

Serrote Preto (Alagoas) 22.02.1925
Im Januar 1925, von seiner Verletzung völlig genesen, schickt Lampião dem Gouverneur des Bundesstaates Alagoas ein Telegramm, in dem er ihm erklärt, „der alleinige Herr des Sertão“ zu sein – und „dass er in diesem Bereich keine Polizei mehr dulde“. Und er wiederholt diese Provokation mit weiteren Telegrammen und setzt auch noch ein paar schmähende Zusätze mit drauf.

Im Monat Februar dann vernichtet er die vereinigten Polizeistreitkräfte aus Pernambuco und Paraíba in der Schlacht, die unter dem Namen „Serrote Preto“ bekannt wurde. Es war die Schlacht, in der er seine Genialität als Stratege unter Beweis gestellt hat. Unter dem Kugelhagel seiner Getreuen und deren Hymne „Mulher Rendeira“ im Ohr, flohen die Soldaten nach allen Richtungen – kopflos. Die drei Cangaceiro-Brüder waren einfach unschlagbar – noch schlimmer: anscheinend auch unverwundbar! Antonio Ferreira, dem man den Spitznamen „Vassoura“ (Besen) gegeben hatte, kämpfte stets in der hintersten Linie, von wo aus er den Feind umging und von hinten „wegfegte“. Livino Ferreira, den sie „Esperança“ (Hoffnung) nannten, pflegte die Flanken rechts oder links aufzurollen und Virgulino, der allseits gefürchtete Lampião, kämpfte als bester Schütze stets in der vordersten Reihe, allerdings stets auch bestens gedeckt durch seine Kumpane.

Fünf Monate nach jenem beispiellosen Sieg der Cangaceiros, beziehungsweise der deprimierenden Niederlage für die Polizei, gelingt es einem Soldaten mit Namen Belo Morais, Livino zu töten. Man schleppt ihn noch schwer verwundet in ein Versteck auf einer Fazenda, um ihn dort zu behandeln, aber acht Tage später stirbt er an seinen schweren Verletzungen. Die Verzweiflung seines Bruders Virgulino über diesen Verlust hat man später in zahlreiche Verse gefasst – sie wurden in die lyrische und musikalische Folklore des Nordostens integriert.

Serra Grande (Pernambuco) 26.11.1926
Im November 1926 entführt Lampiãos Bande in der Gegend von Serra Talhada zwei Mitarbeiter der amerikanischen Standard Oil Company. Sie verlangen ein horrendes Lösegeld – und bekommen erst einmal die Polizei auf den Hals: Unter dem Kommando des Leutnants Higino Belarmino greift sie die Truppe ihres alten Feindes Major Teófanes Torres Ferraz am Fuss der Serra Grande an – 300 Soldaten gegen 90 Cangaceiros – es wird Lampiãos grösster Sieg seiner Laufbahn: Sie kreisten die dicht beieinander knieenden Soldaten ein und schossen sie ab wie Kaninchen. Ein kläglicher Rest flüchtete sich in den angrenzenden Wald und entkam. Die siegreichen Cangaceiros sammelten eine Menge zurück gelassener Waffen und Munition ein.

Nur wenige Tage später muss Lampião den zweiten tragischen Verlust hinnehmen: er verliert seinen zweiten Bruder, Antônio – aber nicht im Kampf, sondern durch einen Unfall. Bei einem kindischen Spiel mit seinem Freund Luiz Pedro und seinem Revolver löst sich eine Kugel – bevor Antônio stirbt, bittet er seinen Bruder noch, Luiz Pedro nicht zu bestrafen – der Meister der Einkreisung seiner Feinde ist tot. Lampião zeigt seine tiefen Gefühle für diesen seinen Lieblingsbruder offen – er weint tagelang und verbringt viel Zeit im Gebet. Ab diesem Tag schneidet er seine Haare nicht mehr – und die Haare lang zu tragen wird allgemein Mode unter den Cangaceiros. Luiz Pedro, der Unglücksrabe, bittet Lampião konsterniert um Vergebung und schwört, ihn niemals zu verlassen bis zu seinem Tod – was er eingehalten hat, denn am Todestag Virgulinos starb Luiz Pedro an seiner Seite.

Lampião befiehlt den Bruder auf der Fazenda beizusetzen, in deren Versteck sie sich gerade befinden. Tage später hält sich die Polizeischwadron des Mané Neto in derselben Gegend auf und der entdeckt das Grab, nachdem er einige der Bewohner hat auspeitschen lassen. Er lässt graben, und in einem Akt beispielloser Barbarei der Leiche des Cangaceiro den Kopf abhacken – und auf einen Pfahl am Rand der Strasse spiessen, zur allgemeinen Abschreckung. Das Volk im gesamten Nordosten hat diese Gräueltat des Polizeioffiziers verurteilt. Lampião begab sich im Gegenzug auf die Spur jener Schwadron, die das Grab seines Bruders geschändet – viele wurden getötet – jener Polizeioffizier wurde von Virgulino selbst gevierteilt und seinerseits auf vier Pfählen am Strassenrand aufgespiesst.

So ging der Kampf weiter – und wurde jedes Mal härter und unerbittlicher. Das war nun schon keine gewöhnliche Auseinandersetzung mehr zwischen Polizei und Banditen – zwischen Verfolgern und Gejagten – oft genug wechselten die Beteiligten ihre ihnen zugedachten Rollen, und aus den Gejagten wurden Jäger und aus den Verfolgern die Opfer. Eine Vendetta zwischen blutdürstigen Männern war entstanden – ein ganz persönlicher und gnadenloser Krieg.

Mossoró (Rio Grande do Norte) 13.06.1927
Im Jahr 1927 formulieren Pernambuco und seine Nachbarstaaten einen Pakt gegen die wachsende Kriminalität in ihrer Region – und besonders gegen „Lampião und seine Cangaceiros“ wollen sie gemeinsam vorgehen. Bestandteil des Paktes ist nicht nur das Vorgehen gegen die Banditen direkt, sondern auch gegen ihre Sympathisanten und Beschützer im Land, seien sie hohe Militärs, Mitglieder der Regierung oder Personen geringeren Prestiges, wie Fazendeiros, Arbeiter oder Dorfbewohner.

Innerhalb weniger Monate gelingt es den vereinten Polizeikräften von Pernambuco 40 Cangaceiros zu erschiessen und 198 andere Personen ins Gefängnis zu befördern, die alle direkt oder indirekt mit Lampiãos Bande in Verbindung standen oder mit ihr sympathisierten. Mit der Polizei aus verschiedenen Bundesstaaten auf den Fersen, entschliesst sich Lampião zur Flucht nach Norden: er marschiert 400 Kilometer durch den trockensten Sertão und lehrt viele kleine Orte auf diesem Weg das Fürchten, denn er glaubt, wegen der Verfolgung durch die Polizei sein Prestige unter der Bevölkerung aufpolieren zu müssen. Also fällt er innerhalb von vier Tagen auf seinem Weg nach Norden über 40 verschiedene Orte her – raubt insgesamt 50.000 Reis an Geld – praktiziert acht Entführungen mit Lösegeldforderungen – tötet vier Feinde während Schiessereien und drei im Kampf Mann gegen Mann – lässt viele durch Schläge und Fusstritte Verwundete zurück – begeht Raub, Diebstahl und steckt Gebäude in Brand – die gesamte Palette eines unberechenbaren Verbrechers. Und er teilt seine Gruppe in verschiedenen Untergruppen, um mit dieser Taktik wieder mal zu beweisen, dass er an verschiedenen Orten zur gleichen Zeit Angst und Schrecken zu verbreiten versteht.

Dann erreicht er die Stadt Mossoró – eine grosse und ihm unbekannte Stadt, die wider Erwarten sein Feuer erwidert. Er verliert gleich im Ansatz zwei seiner Besten – Colchete und Jararaca. Letzterer fällt verwundet in die Hände der Polizeitruppen, die ihn auf dem Friedhof von Mossoró, lebendig begraben. Heute wird das Grab des Jararaca von Pilgern besucht, die damit ein Versprechen einlösen, Blumen niederlegen und Kerzen in seinem Namen anzünden. Sie sehen in ihm einen Heiligen – wie die Volksmeinung eben so spielt. Jararaca war ein Ex-Soldat des brasilianischen Heeres, der während einer Revolte in São Paulo verwundet wurde und zurück in den Nordosten kam, um sich in seiner Heimat auszukurieren. Dann trat er zum Cangaço über und wurde einer der Unterführer. Die Bevölkerung von Mossoró verurteilte die barbarische Haltung der Polizei, den Mann lebend einzugraben – und diese Tatsache beweist einmal mehr, dass sich die Soldaten jener Zeit in ihren Gräueltaten von denen der Cangaceiros in keiner Weise unterschieden.

Angicos (Sergipe) 28.07.1938
Erst der 28. Juli des Jahres 1938 – es war ein Donnerstag – brachte Virgulino Ferreira da Silva, genannt Lampião, den Tod und mit ihm auch den Zusammenbruch des Cangaço. Ein Augenzeuge aus der damaligen Zeit erzählt: „Es war kein heldenhafter, sondern eher ein hinterlistig eingefädelter und deshalb eigentlich beklagenswerter Tod – will mal so sagen: wir Nordestinos hätten uns für diesen zweifellos tapferen, und vom Schicksal arg gebeutelten Mann, eben einen Tod auf dem Schlachtfeld gewünscht und nicht so was! Dieser feige und hinterlistige Leutnant João Bezerra aus Alagoas umzingelte mit 48 Mann die Grotte in Porto da Folha, die allgemein Angicos genannt wird und auf der Grenze zwischen Alagoas und Sergipe liegt. Lampião, seine Frau Maria Bonita und neun seiner Getreuen lagen bereits leblos am Boden als dieser hinterhältige Polizist, die Hosen gestrichen voller Angst, den Kreis um die Grotte enger schliessen liess. Die Cangaceiros waren verraten worden und – vergiftet.

Bis zum heutigen Tag halten sich viele Zweifel unter unserem Volk über die Umstände, die zu seinem Tod führten. Zwanzig Jahre Kampf waren wirklich mehr als genug, um die Polizei von sieben Bundesstaaten das Fürchten zu lehren und ihnen den Mut, die Entschlossenheit und das strategische Talent eines Mannes zu beweisen, der sich durchgesetzt hat mit seiner Meinung über den Staat und seine Polizei – und das war auch unsere Meinung! Die mutigsten und respektiertesten Offiziere anerkannten seine Stärke, und es gelang ihnen niemals, sich ihm auch nur zu nähern, geschweige denn, ihn festzunehmen oder gar zu töten. Lampião war eben unbesiegbar! Also fiel ihnen nur eine mögliche Alternative ein, seiner habhaft zu werden – durch Verrat.

Und so haben sie es gemacht:
Jemand denunzierte in Piranhas einen von Lampiãos treuesten Sympathisanten, Pedro de Candida. Diesem, als man ihn erniedrigte und folterte, blieb keine Wahl als auf den perfiden Pakt einzugehen und die Soldaten zu der Grotte zu führen, in welcher die Cangaceiros zu übernachten pflegten. Jener Feigling Bezerra jedoch, um kein Risiko mit den couragierten Männern und Lampião selbst einzugehen, liess ihnen durch den Verräter Pedro de Candida ein mit Strychnin vergiftetes Abendessen bringen – sie waren schon tot, als Bezerra es endlich wagte, in Begleitung seiner Polizei die Grotte zu betreten. Dort schossen sie dann wild herum – spickten die Leichen der toten Cangaceiros mit ihren Kugeln – und behaupteten später, sie hätten sich mit Lampião und seinen gefürchteten Spiessgesellen einen furchtbaren Kampf geliefert.

Sie haben ihnen allen die Köpfe abgeschnitten – den Frauen haben sie die Hände mit ihren von zahlreichen Ringen bestückten Fingern einfach abgehackt – und dann diese blutrünstigen Remineszensen ihrer eigenen bestialischen Unmenschlichkeit im ganzen Nordosten öffentlich zur Schau gestellt.

Von diesem Tag an war der Cangaço tot. Ohne seinen mächtigsten Repräsentanten verlor er seine Existenzberechtigung. Nicht nur wir aus dem einfachen Volk dachten so – auch die wenigen übrig gebliebenen Cangaceiros. Von den noch lebenden Unterführern, weigerte sich lediglich Corisco, sich zu ergeben. Corisco, der blonde Teufel, wie wir ihn nannten. Aber sie töteten ihn auch – 1940 kreiste ihn die Schwadron des Leutnants José Rufino in seinem Versteck auf der Fazenda eines Freundes ein. Seine beiden Arme waren von Gewehrkugeln zerfetzt und zu seiner Verteidigung unbrauchbar geworden, als sie ihn mit ihren Macheten bei lebendigem Leib in Stücke hackten.

Dadá, seine Frau, bekam eine Kugel ins Bein, das später amputiert werden musste – aber sie hat das Massaker überlebt und eine recht glaubwürdige Erklärung für den Tod ihres Mannes: „Sie haben ihn erledigt, weil Corisco damals eine Summe von 300.000 Reis in seinen Satteltaschen mit sich herum trug“.

Lampiãos Enkelin, Vera Ferreira (48) ist eins von vier Kindern der Expedita Ferreira, einziger Tochter des berühmten Cangaço-Paars Lampião und Maria Bonita. Zusammen mit dem Historiker Antônio Amauri bemüht sie sich seit Jahren, das Leben ihres berühmt-berüchtigten Grossvaters zu entmystifizieren – und vor allem zu beweisen, dass die Mehrzahl der Verbrechen, dessen man ihn beschuldigt, reine Erfindungen der Sensationspresse und ihrer skrupellosen Schreiberlinge sind.

„Ich sehe in Lampião und seinen Cangaceiros weder Helden noch Banditen. Meine Mission ist es, die wahre Geschichte des Cangaço zu erzählen. Und ich möchte aufräumen mit den vielen Lügen“, sagt sie, „sie waren lediglich Männer, die NEIN sagten zu jenen untragbaren Zuständen der damaligen Zeit. Mein Grossvater tötete, um zu überleben – und das kann ich nicht verurteilen.“