Indianer in Paraíba

Veröffentlicht am 19. Oktober 2009

Immer wenn jemand die Ureinwohner Südamerikas oder Brasiliens einfach als „Wilde“ oder bestenfalls als „feindliche Indianer“ bezeichnet, beschleicht uns ein ungutes Gefühl, weil er damit einen durchaus objektiven Leser bereits von vornherein auf die „freundliche Seite“ der „weissen Entdecker“ zieht – wie das so einige Historiker gerne zu tun pflegen.

Und wir fragen uns: tun die das wirklich aus Unüberlegtheit? Oder wird hier nicht vielmehr eine Voreingenommenheit sichtbar, die eigentlich eines Historikers unwürdig sein sollte? Wir würden uns jedenfalls wünschen, dass uns ein „indianischer Historiker“ einmal etwas aus seiner Sicht über die Zusammenstösse zwischen jenen „Entdeckern“ und den so genannten „Wilden“ berichtete. Das würde zwar die Geschichte nicht mehr ändern, vielleicht aber doch unsere Perspektive der Betrachtung und, wer weiss, vielleicht sogar unser Verhalten gegenüber denen, die von den ehemaligen „Wilden“ übrig geblieben sind und ein Recht haben, auf unser objektives Verständnis der Geschichte hoffen zu dürfen!

Apropos „Entdecker“! Kein einziger der Europäer, die je in Nord- oder Südamerika landeten, war tatsächlich ein „Entdecker“! Schon diese Bezeichnung ignoriert – heute noch – die Menschen, die vor ihm da waren – ignoriert die jahrhundertealten Kulturen und sozialen Gemeinschaften der wahren Entdecker Amerikas, der Ureinwohner, die jene „Pseudo-Entdecker“ als Eindringlinge in ihren angestammten Lebensraum betrachteten.

Und genau das waren sie auch: Eindringlinge, Invasoren, Eroberer und Besatzer, welche die von ihnen gewaltsam vereinnahmten Ländereien unter sich aufteilten, nachdem sie „von den Wilden gesäubert“ worden waren! Die Grausamkeiten der weissen Invasoren standen gewiss nicht hinter denen der mit Recht verbitterten Ureinwohner zurück.

Im Gegenteil, wenn man einmal die Überlegenheit ihrer Waffen und den Grad ihrer zivilisatorischen Reife – den uns wenigstens dieselben Historiker immer glauben machen wollen – in Betracht zieht, erkennt man die weissen Eroberer als die „Wilden“ in dieser Geschichte.

Lange vor der Invasion des paraibanischen Territoriums durch die Portugiesen, lebten hier verschiedene eingeborene Nationen unterschiedlicher Ethnien und unterschiedlicher Kulturen. Das Landesinnere gehörte den Cariri und den Tarairiú. Das Küstengebiet war bewohnt vom Volk der Potiguar, die sich zwischen den Flüssen Rio Paraíba und Rio Capibaribe niedergelassen hatten.

Zur Zeit der Entdeckung Brasiliens durch die Portugiesen existierten zwei Tupi-Nationen: die Potiguar und die Tabajara. Eine Splittergruppe der Tabajara war 1584, unter Führung ihres schon bejahrten Häuptlings „Piragibe“ (der Arm des Fisches) aus dem trockenen „Sertão“ des Rio São Francisco zum Rio Paraíba gezogen, wo sie sich im Süden des grossen Stromes niederliessen – rund 100 km von der Küste entfernt.

Die Potiguar standen unter der Führung ihres Häuptlings „Zorobabe“, der den Widerstand der Indianer gegen die portugiesischen Invasoren in der Region organisierte und anführte. Bis ins Jahr 1599 brachte er den Invasoren und ihren Verbündeten, den Tabajara, grosse Verluste bei, dann geht er angesichts der eigenen Verluste auf ein Waffenstillstands-Abkommen ein.

Die Cariri bewohnten die feuchten Täler der permanenten grossen Ströme und die Hochplateaus mit gemässigtem Klima. Sie waren verstreut zwischen den Ufern der Flüsse Rio do Peixe, Rio Piancó und Rio Paraíba. Sie lebten von der Landwirtschaft – Mais, Bohnen, Kürbis und Baumwolle – und es gibt Hinweise, dass sie auch Tabak anbauten, den sie anlässlich ihrer Feste und Zeremonien rauchten.
Sie pflegten ihre Toten in Höhlen zu bestatten, Kannibalismus war ihnen fremd. Zeichnungen, die man auf den Felswänden entdeckt hat, deuten an, dass die Cariri eine Art Kalender kannten, der aus einer Schnur mit entsprechenden Knoten bestand – wie bei einem Rosenkranz. Sie waren von kleinerer Statur als zum Beispiel:

Die Tarairiú, grosse, kräftige Gestalten, die als Nomaden lebten. Sie ernährten sich von der Jagd und dem Fischfang, entwickelten eine prekäre Landwirtschaft an den Ufern temporärer Flussläufe, wie zum Beispiel, dem Rio Jaguaribe in Ceará, dem Rio Apodí in Rio Grande do Norte und den Flüssen Rio Piranhas, Rio Sabugi und Rio Seridó in Paraíba. Sie zeigten kannibalistische Tendenzen, das heisst, verzehrten ihre Toten während eines speziellen Rituals, um sie am besten Platz aufzubewahren, den sie sich denken konnten – ihrem eigenen Körper. Sogar Knochen und Haare wurden, zu Asche verbrannt und mit wildem Honig gemischt, gegessen. Sie praktizierten das „Ritual der Jurema“ – bei dem der Medizinmann mit der Geisterwelt Kontakt aufnimmt – in einem Zustand der Trance durch ein Getränk, das sie aus den Wurzeln der „Jurema“ (Pithecolobium tortum Mart.) brauten.

Und nun noch ein paar Jahrzehnte weiter in der Geschichte des Bundesstaates von Paraíba, die dem Verständnis für seine gesellschaftliche Entwicklung förderlich sein sollen:

Mit der Abschaffung der Sklaverei (1888) und dem darauf folgenden Fall des Imperiums (1889) begann in Brasilien die Herrschaft der Oligarchien, die, auf der Basis des lockeren Föderalismus in der noch unerfahrenen Republik, die Macht im Staat für sich beanspruchten. Der Anfang des 20. Jahrhunderts war geprägt von Auseinandersetzungen zwischen dem Monarchistischen Konservativismus und der Liberal-progressiven Opposition – während dieser Periode fehlte es nicht an Versuchen, die Wirtschaft Brasiliens anzukurbeln – unter ihnen auch die Einleitung der Massnahmen gegen die Trockenheit des Nordostens, in den 20er Jahren.