Das weisse Gold

Veröffentlicht am 19. Oktober 2009

„Engenhos“ wurden in historischer Vergangenheit jene Zuckerrohr-Plantagen genannt, die in sich eine geschlossene Wohn- und Arbeitseinheit bildeten. Mit dem Herrschaftsgebäude (Casa Grande), dem Wohnhaus des Besitzers und seiner Familie, dem Sklaven-Wohngebäude (Senzala), der Kapelle (Capela) und dem Verarbeitungs-Komplex (Casa do Engenho). Letzterer vereinte in sich alle zur Zuckerverarbeitung nötigen Einrichtungen: die „Moenda“, wo der Saft (Caldo) aus dem Zuckerrohr gepresst wurde, die „Fornalhas“, wo der gepresste Saft erhitzt, der mindere Teil abgeschöpft und der hochwertige Teil in Kupferformen gegossen wurde, die „Casa de Purgar“, wo der Zucker gebleicht, der dunkle Teil (Mascavo) vom hellen Teil getrennt und getrocknet wurde. Wenn dieser Prozess beendet war, wurde das Produkt gewogen und entsprechend seiner jeweiligen Qualität separiert, dann in Kisten von je „50 Arrobas“ (rund 750 kg) verpackt und zum Export nach Europa verschifft.

Viele dieser „Engenhos“ besassen auch eigene Destillerien, wo sie den geschätzten Zuckerrohr-Schnaps (Cachaça) produzierten, den man damals übrigens auch als Tauschmittel im Handel mit schwarzen Sklaven einsetzte.

Aus dem Zuckerrohr gewinnt man eine erstaunliche Vielfalt verschiedener Endprodukte. Zum Beispiel: durch einfache Pressung den grünlichen Saft, – „Garapa“ oder „Caldo de Cana“ genannt – er ist, nach dem kanadischen Ahornsirup, der Welt zweitwichtigster Vitamin- und Mineralienträger (aber kaum jemand weiss das !) Ein Glas pro Tag deckt den gesamten Mineralienbedarf des Körpers, überall in Brasilien an Kiosken und Ständen erhältlich.

Erhitzt man den Saft, so erhält man als Bodensatz eine Art zähflüssige Melasse, die als „Melado“ in vielerlei Brotaufstrichen, Süssspeisen und Fruchtmischungen Verwendung findet.

Giesst man den erhitzten Saft in entsprechende Formen, so erhält man steinharte, gelblich-grüne Zuckertafeln, genannt „Rapadura“, die noch heute im gesamten Nordosten als Energiespender mit auf eine Reise genommen werden. Die „Vaqueiros“ (Rinderhirten) haben immer ein Stück in ihren Satteltaschen (zusammen mit dem unentbehrlichen Trockenfleisch).

Die Tafeln in gemahlener Form ergeben einen von unseren heutigen Gesundheitsaposteln bevorzugten Naturzucker – in Brasilien „Açucar Mascavo“ – und bleicht man den feingemahlenen Zucker, so erhält man das von aller Welt so ungesund häufig konsumierte und schon in historischer Vergangenheit von den vornehmsten Herrschaften in Europa so heissbegehrte – und teure – Endprodukt: den raffinierten Zucker, „Açucar refinado“.

Und heute?
Mit Hilfe der modernen Wissenschaft hat sich das Zuckerrohr noch als wesentlich ergiebiger erwiesen, als sich das jene Pioniere, aus den Anfängen der brasilianischen Wirtschaft, je hätten vorstellen können: In der modernen Küche ist seine vielseitige Verwendung allgemein bekannt. In der Industrie ist seine Verwendung zur Produktion von gesünderen, leichter zu konservierenden Lebensmitteln unumgänglich. Inzwischen liefert es Alkohol als Antriebsenergie für Autos und es liefert auch elektrische Energie! Darüber hinaus kann man mit ihm Papier, Plastik und andere chemische Stoffe herstellen!

Das Zuckerrohr ist ein Gras (aus der Familie der „Gramineae“), dessen Potential, versatil und sehr komplex, immer noch nicht vollkommen erforscht ist. In Brasilien wachsen auf weniger als 1% des landwirtschaftlich genutzten Bodens 4,5 Millionen Hektar Zuckerrohr – das entspricht etwa zweimal der Fläche von Piauí. Ein Rohstoff, der die Fabrikation von natürlicher Energie erlaubt, sauber und erneuerungsfähig!

Das Zuckerrohr ist eine kleine, sehr effiziente, Energiefabrik: jede Tonne dieser Pflanze entspricht einem Energiepotential von 1,2 Erdöl-Barrels! Brasilien ist der Welt grösster Zuckerrohr-Produzent, gefolgt von Indien und Australien. Im Durchschnitt werden 55% der brasilianischen Produktion in Treibstoff-Alkohol umgewandelt und 45% in Zucker. Man pflanzt in Brasilien Zuckerrohr im zentralen Süden und im nördlichen Nordosten, was zwei unterschiedliche Ernteperioden erlaubt. Neu gesteckt, braucht die Pflanze etwa ein bis eineinhalb Jahre, um zum ersten Mal geerntet und verarbeitet werden zu können – dasselbe Feld kann bis zu fünfmal abgeerntet werden – verlangt jedoch signifikative Investitionen für jeden Zyklus, um die Produktivität zu halten.

Das Zuckerrohr ist auch die Kraft, die hinter 307 brasilianischen „Centrais Energéticas“ (Energiezentralen) steckt – 128 von ihnen im Bundesstaat São Paulo – die Zuckerrohr-Biomasse von 2,35 Millionen Hektar Boden verbrauchen und damit einen virtuosen Zyklus von Produkten unterhalten:

sie produzieren Zucker als Nahrungsmittel, elektrische Energie, die durch die Verbrennung der ausgepressten Pflanzenstrünke produziert wird, Treibstoff-Alkohol für Fahrzeuge und Anidro-Alkohol zur Verbesserung der Energieleistung und der Umweltverträglichkeit des herkömmlichen Benzins.

Der Treibstoff von zirka 4 Millionen Fahrzeugen, die heute auf Brasiliens Strassen rollen, ist Alkohol. Der Anidro-Alkohol wird inzwischen in einem Verhältnis von 24% dem Normalbenzin zugesetzt, und damit rollt hierzulande eine Flotte von schätzungsweise 18 Millionen Fahrzeugen. Alkohol wird, darüber hinaus, in der Getränke-Industrie, in der Chemie, der Pharmazie und dem Reinigungssektor eingesetzt.

Brasilien ist nicht nur der weltgrösste Produzent an Rohrzucker, sondern auch ihr grösster Exporteur und mit den geringsten Produktionskosten! Die Hälfte der brasilianischen Produktion wird auf dem internen Markt verbraucht. Die andere exportierte Hälfte brachte, im Jahr 2007, einen Ertrag von 3,2 Milliarden Dollar. Brasilien exportiert raffinierten Zucker, Kristallzucker und Rohzucker und seit fünf Jahren etwa, ist Russland der Hauptabnehmer. Der Bundesstaat São Paulo produziert 60% des gesamten Exportaufkommens und 70% aller anderen Exportgüter!

Dampf und Wärme sind von eminenter Bedeutung, sowohl bei der Produktion von Zucker wie von Alkohol. Der Dampf, den man aus der Verbrennung der Rohrstrünke gewinnt, bewegt Turbinen und schafft so elektrische Energie, durch die eine Industrieanlage autark arbeiten kann. Eventuelle Überschüsse können weiterverkauft werden.

Im Bundesstaat São Paulo produziert der Sektor zwischen 1.200 und 1.500 Megawatt für den eigenen Bedarf. 40 Anlagen produzieren Überschüsse von 158 Megawatt, mit denen schon eine Reihe von Städten beleuchtet werden: das Licht aus der Zuckerrohrpflanze, was würden die ehemaligen Pioniere der „Engenhos“ dazu gesagt haben?

Das gesamte Energiepotential der Zuckerrohr verarbeitenden Industrie Brasiliens liegt bei 12.000 Mw, gegenüber dem gesamten installierten Potential von 70.000 Mw. Im Jahr 2007 kamen, anhand neuer Projekte, noch 450 Mw dazu und schon in kurzer Zeit wird der Sektor weitere 6.000 Mw für das allgemeine Netz bereitstellen.

Aber die Verwendungsvielfalt der Superpflanze ist noch lange nicht ausgereizt: Mit 3 kg Zucker und 17,1 kg Strunk kann man, zum Beispiel, 1 kg naturlösliches Plastik herstellen. Als Lösungs- und Bindemittel können andere Nebenprodukte der Zuckerindustrie Anwendung finden.

Die ausgepressten Pflanzenteile ergeben ein gehaltvolles Viehfutter, verschiedene Papiersorten lassen sich aus ihnen herstellen, pharmakologische Grundsubstanzen mit einem grossen Anwendungsbereich in der chemischen und der pharmazeutischen Industrie.

Aus der Melasse gewinnt man, abgesehen vom Treibstoff-Alkohol und den alkoholischen Getränken, auch Hefe, Honig, Zitronensäure, Milchsäure, Glutamat und entwickelt daraus jene so genannte „Alkohol-Chemie“: die verschiedensten Transformationen von Methyl-Alkohol und Methanol. Aus dem Methanol kann man Polyethylen, Easthyren und Poliestyren, Äther, Aceton und die ganze Reihe von Produkten herstellen, die man von den Erdöl-Derivaten schon kennt. Darüber hinaus liefert der Zuckerrohrstrunk synthetische Fasern, Farben, Lacke, Behälter, Rohre, Lösungsmittel und vieles andere.

Aus den Rückständen der Zucker- und Alkoholproduktion produziert man gute Düngemittel oder benutzt sie zur Herstellung von anderen Derivaten, wie Dextran, Xantan, Sorbitol, Glycerol, raffiniertem Wachs, Fungiziden etc.

Das Zuckerrohr ist somit, ähnlich wie das Erdöl, Basis für eine unendliche Zahl von Nebenprodukten, aber mit einem wesentlichen Unterschied: sie sind umweltverträglich!