Folklore, Kultur in Maranhão

Veröffentlicht am 19. Oktober 2009

Der Bundesstaat Maranhão ist in ganz Brasilien besonders wegen seiner zahlreichen folkloristischen Manifeste berühmt und beliebt. Allen voran das Fest des „Bumba-meu-boi“, das sich längst über den gesamten Norden Brasiliens verbreitet hat, überall dort, wo Bürger aus Maranhão im Lauf der Jahre eingewandert sind, hat sich deren Fest in der lokalen Folklore seinen Platz erobert. Deshalb taucht es auch in unseren Beschreibungen einiger Bundesstaaten Amazoniens wieder auf.

Hier in Maranhão ist es das wichtigste Volksfest des Jahres. Eine Kombination aus Musik, Tanz und Theater, die Elemente aus der indianischen, afrikanischen und lusitanischen Kultur vermischt. In São Luís allein gibt es zirka 60 Gruppen des „Bumba-meu-boi„, mit Musikern, die verschiedene typische Instrumente spielen, wie zum Beispiel die „Zabumbas“ (grosse Bauchtrommeln) oder die „Matracas“ (Metallringe, die im Rhythmus aneinander geschlagen werden).

Am 22. Juni – zwei Tage vor dem „São João-Fest“ – wird die Hauptfigur des Festes geboren: der „Boi“ (Ochse), um am folgenden Tag getauft zu werden – nach einem bestimmten Ritual jeder Teilnehmergruppe. Und so beginnt das Fest, das sich dann bis zum 30. Juli ausdehnt!

Die weissen Einwanderer brachten einmal die Story des Festes mit sich, die Schwarzen ergänzten sie mit dem Rhythmus ihrer Perkussions-Instrumente und die Indianer standen Pate bei der tänzerischen Choreographie.

Und mit jedem entzündeten Sonnenwendfeuer, im Juni, erfuhr das Fest ein paar neue Ergänzungen. Angefeuert von einer unübersehbaren Zuschauermenge, tanzte sich der mit bunten Ornamenten geschmückte und mit Muscheln und glänzendem Schmuck behangene Ochse, in die Herzen eines ganzen Volkes. Der „Bumba-meu-boi“ ist im Norden und Nordosten ebenso beliebt und berühmt, wie im Südwesten Samba und Karneval.

Hier noch einmal die Kurzfassung der Story:
„Eine gewisse Sklavin, mit Namen „Catirina“, in anderen Umständen und, geplagt von jenen besonderen Gelüsten schwangerer Frauen nach einem besonderen Appetithappen, bringt ihren Mann „Chico“ dazu, den Lieblingsochsen ihres Herrn zu töten, um ihre Lust auf „Ochsenzunge“ zu befriedigen. Als der „Amo“ (Gutsherr) die Missetat entdeckt, schickt er die Indianer hinter dem Flüchtigen her, die ihn einfangen. Er wird nun vor die Wahl gestellt, entweder den Ochsen wieder lebendig zu machen oder mit seinem eigenen Leben zu bezahlen. Also ruft man den Doktor, dessen Diagnosen und verrückten Rezepte die Medizin völlig auf den Kopf stellen – aber der Ochse kehrt ins Leben seines Herrn zurück – der dem Sklaven verzeiht. Die Pantomime endet in einem Feuerwerk der Freude und Animation, in dem man Zuschauer und Schauspieler nicht mehr auseinander halten kann.

Der „Boi“ besteht aus einer Struktur aus Holz und Palmstroh – in Form eines Ochsenkörpers – bedeckt mit einer Decke aus rotem oder schwarzem Samt, bestickt mit Muscheln und anderen glänzenden Metallstücken, gold- und silberfarben und bunten Bändern behängt. Dieser lebensgrosse Körper ist innen hohl und wird von einem kräftigen Tänzer getragen, wie eine Rüstung. Es gehört sicher sehr viel Kraft und Ausdauer dazu, den Ochsen nun über Stunden im Rhythmus der Musik hin und her zu bewegen. Die übergeworfene bestickte Decke reicht bis dicht vor den Boden, sodass die Beine des Tänzers nicht zu sehen sind. So ist die Illusion vom „lebenden Ochsen“ fast perfekt!

TAMBOR DE CRIOULA
Dies ist ein sehr sensueller Tanz aus Afrika, der mit den Sklaven nach Brasilien kam. Er hat keinen bestimmten kalendarischen Anlass, sondern taucht bei verschiedenen Festen zur allgemeinen Unterhaltung auf – besonders beim Fest des „São Benedito“ (August). Es tanzen nur Frauen, die einen Kreis bilden und sich an den Händen fassen. Im Zentrum des Kreises entwickelt nur eine von ihnen sensationelle Figuren und gewagte Sprünge und fordert dann plötzlich eine andere aus dem Kreis – mit einer „Punga“ oder „Umbigada“ genannten Bewegung – auf, sie abzulösen.

Der Rhythmus wird von 3 unterschiedlichen Trommeln angegeben: dem „Roncador“, der die „Punga“ markiert – dem „Meião“ oder „Socador“, verantwortlich für den Rhythmus und dem „Pequeno“ oder „Crivador“, der die Intervalle synkopiert.

TAMBOR DE MINA
Religiöses Fest der von Sklaven abstammenden Gege-Nagô, ähnlich dem „Candomblé“ in Bahia. Die benutzten Instrumente sind: die grosse Trommel, genannt „Rum“, die mittlere Trommel, genannt „Glupi“, drei kleine Trommel, genannt „Rumpli“, das „Agogô“ (zwei unterschiedlich klingende Metallglocken, die mit einem Metallstab rhythmisch angeschlagen werden) und eine gekerbte Kalebasse mit einem Netz aus Muscheln. Die Zahl der Teilnehmer liegt zwischen 25 und 40 Personen, sie sind weiss gekleidet und diese Kleidung mit ebenso weisser Spitze besetzt. Als Schmuck tragen sie verschiedene bunte Halsketten, in Übereinstimmung mit dem jeweiligen „Santo“, dem sie huldigen (siehe auch „Candomblé-Bahia“).

nach obenKARNEVAL IN SÃO LUÍS

Der Strassenkarneval in São Luís ist ein Erlebnis der besonderen Art. Ein Volksfest im wahrsten Sinne des Wortes, in dem der Tourist gerne als Gast gesehen wird, dem man aber anmerkt, dass es nicht für Touristen gemacht ist, sondern noch tief und fest in seinen Originalwurzeln ruht.

Den „Fofões“, „Tribos de Índios“, „Blocos-de-sujos“, „Blocos tradicionais“, „Casinha da Roça“ und „Escolas de Samba“ gehört die Strasse, und ihre Präsentationen, während der tollen Tage, bilden geschlossene Kreise innerhalb der verschiedenen Stadtbezirke. Der „Fofão“ ist eine Art Clown in Affengestalt, der sich in einem buntbedruckten Overall präsentiert, vervollständigt durch eine fantasievolle Maske. Isoliert, oder in Gruppen, amüsieren, erschrecken oder provozieren die verschiedenen „Fofões“ Zuschauer und Karnevalisten gleichermassen.

Ein Fest der Farben, Rhythmen und tollen Unterhaltung – in jedem Stadtteil ein anderes – unter ihnen sind die Stadtteile „São Pantaleão“ und „Madre de Deus“ die am Qualifiziertesten.

Wer nun den Karneval der „Trios Elétricos“ (wie in Bahia) vorzieht, der findet diese auch in São Luís, nämlich auf der „Avenida Litorãnea“, die besonders viele Fans in ihrem Gefolge hat und ausserdem den fantastischen Hintergrund der Strände. Tradition ist, einen so tollen Tag mit einem delikaten „Caldo de Ovos“ (Eiersüppchen) ausklingen zu lassen, oder mit einem Fischeintopf, vorzugsweise direkt am Strand, um die Batterien wieder aufzuladen und einem Kater am nächsten Morgen vorzubeugen!

Wer noch einen draufgeben möchte, der kann am darauf folgenden Sonntag noch den „Carnaval-do-lava-pratos“ (Tellerwäscher-Karneval) in der Nachbarstadt „São José do Ribamar“ mitmachen!

Und wer in der traditionellen Karnevalszeit (im Februar) nicht nach São Luís kommen konnte, der kann den Karneval im Oktober dort nachholen, wenn die „Marafolía“ in São Luis stattfindet, ein Karneval ausserhalb der Saison.