Delta do Parnaíba

Veröffentlicht am 19. Oktober 2009

Lage: 20 Meter über Meer
Deltagrösse/km2: 2.700 km2
Regenzeit: April bis Juni

Sechzehn Jahre lang versuchte der portugiesische Seefahrer Nicolau de Resende seine wertvolle Fracht aus dem Bauch seiner bei einem Schiffbruch untergegangenen Caravelle zu bergen – vergeblich, sein zusammengerafftes Gold und die Edelsteine blieben auf dem Grund des Ozeans.

Aber er hatte überraschend einen neuen Schatz entdeckt: das Delta des Rio Parnaíba. Nachdem die Tabajara-Indianer ihn gerettet hatten, sandte er ein Schreiben an den portugiesischen König, in dem er die unglaublich exotische Schönheit dieses Ortes schilderte, ergänzt durch einige persönliche Betrachtungen über die möglichen Reichtümer der Gegend und wie lange diese wohl noch vor dem Vorandringen der Menschheit sicher wären.

Jahrhunderte später hat das Delta des Parnaíba nichts von seiner Schönheit aus jenen historischen Tagen eingebüsst. 85 Inseln liegen hier verstreut über eine Fläche von 2700 Quadratkilometern – zwischen den Bundesstaaten Piauí und Maranhão.  Die Mündung des Rio Parnaíba teilt sich in fünf Arme, deren Wasser in den Ozean fliessen. Eine der perfektesten Deltaformen des Planeten, welches man nur mit dem Nildelta, in Afrika, und dem Mekongdelta, in Asien, vergleichen kann.

Unter 85 Inseln sind die Ilha Grande, do Paulino, Cajú, Canárias und die Ilha Grande Santa Isabel, zusammen etwa 80 Hektar.

Der Rio Parnaíba entspringt in der Chapada das Mangabeiras (die Dichter nennen ihn den „Alten Mönch“) und er ist der zweitgrösste Fluss des brasilianischen Nordostens, neben dem Rio São Francisco. Nach 1.458 km mündet er in den Atlantik, doch vorher zerteilt er die letzten Kilometer Land in ein furioses Labyrinth von Nebenarmen und Inseln.

Und diese Einzigartigkeit des Deltas birgt eine Vielzahl von Überraschungen. Innerhalb des gleichen Ökosystems entdeckt der Besucher ganz verschiedenartige und sehr bemerkenswerte Landschaften:  Flüsse, Lagunen, gigantische Dünen, Sümpfe, einsame Strände mit schneeweissem Sand, und die vielen verschiedenen Mangrove-Dschungel, die typisch sind in dieser Region. Es kommt einem vor, als würde man hier den verschiedenen Landschaften Brasiliens zusammen begegnen!

Kaimane, Affen, Wickelbären, Hirsche, Schildkröten, Krebse und viele Vogelarten, wie Reiher, Störche, Spechte und Löffelreiher leben in Gemeinschaft mit den Fischern, Kuhtreibern, den Krebs-Sammlern, Bauern und Spitzenklöpplern, und beweisen, dass Mensch und Tier friedlich nebeneinander existieren können, ja sogar sich gegenseitig von Nutzen sein.

Die klaren und sehr langsam fliessenden Wasser des Hauptflusses der Region weisen auf seinen Namen hin und auch auf den Lebensrhythmus derer, die durch ihn ihren Lebensunterhalt verdienen. Am Rio Preguiças (dem „faulen“ Fluss), entlang seiner Ufer, von der Stadt Brejo/Maranhão bis zu seiner Mündung in den Atlantic.

150 Kilometer weiter installieren sich über eine gewisse Zeit ganze Familien, die so genannten „Nomaden“, welche vom Fischreichtum des Flusses profitieren. Der Fluss teilt das Lençois-Gebiet in die „Grossen“ und die „Kleinen Lençois“.

Die Wirtschaft des Deltas wird von vier Gemeinden beeinflusst: Parnaíba, Luis Correia, Araióses und Tutóia. Alle betreiben Landwirtschaft und die Gewinnung von Meersalz. Aber besonders der Fischfang trägt mit 80% zur Wirtschaft der Deltabevölkerung bei – mehr als 4.000 Familien gewinnen ihren Lebensunterhalt auf diese Weise. Besonderes Gewicht kommt dabei dem Sammeln von Krebsen zu, die rund 40% des gesamten Fisch- und Meeresfrüchte-Handels ausmachen. Der Tourismus, als Anregung von den beteiligten Bundesstaaten in den letzten Jahren propagiert, könnte hier bald den ersten Platz in der lokalen Wirtschaft einnehmen.

Piauí hat seinen persönlichen Charakter. Es ist das einzige brasilianische Bundesland, in dem man den Sertão (Buschsteppe) und das Meer ganz nah beieinander erleben kann, ein ganz besonderes Naturspektakel bietet sich hier dem Besucher: auf der einen Seite das Delta des Parnaíba, das Meer, Dünen und die Serra da Capivara. Auf der andern Seite Wüste, Felsklippen und dazwischengestreute Süsswasser-Lagunen. Der Ausflug beginnt in Parnaíba – die Boote verlassen den Porto das Barcas in der Stadt, oder den Porto dos Tatus auf der Ilha Grande.

Der Porto das Barcas (Bootshafen) hat seine eigene Geschichte: Um 1669 entdeckten Leonardo de Sá und einige seiner Kumpanen die schöne Gegend, verjagten die Indios und bekamen als Lohn für ihre mutige „Landbefriedung“ die Gegend der heutigen Stadt Parnaíba als Besitz zugesprochen. 1758 begann der Portugiese Domingos Dias da Silva einen Handel mit „Charque“ (getrocknetem Rindfleisch) mittels seiner eigenen Schiffe. Er im- und exportierte das Produkt zwischen anderen brasilianischen Staaten und auch nach Europa, vornehmlich Portugal und Spanien.

Sein Geschäft wuchs dermassen, dass der Handelshafen bald als „Porto das Barcas“ in aller Munde war. Um ihn herum errichtete man viele Speicher um das Produkt für den Export zu lagern. Die historische Entwicklung Parnaíbas ist direkt auf diesen Handel zurückzuführen und, sehr viel später, auch auf den mit einem anderen Produkt aus der Region selbst: dem Wachs der Carnaúba-Palme. James Frederick Clark, ein englischer Pionier der Region, investierte in die Pflanzungen dieses Baumes, der sich auf dem Weltmarkt bald als „Goldmine“ bewies: über viele Jahre lieferte er das Rohmaterial für die Vinyl-Plattenindustrie.

Geschichten und Legenden hört man von den Wäscherinnen am Flussufer. Gespenster, sprechende Fische und Fischer, die nie mehr von ihrer Ausfahrt aufs Meer zurückkehrten, sind Teil einer Folklore die sich von Mund zu Mund fortpflanzt und so weiterlebt.

Wenn man sich auf einem der Boote im Delta befindet, ist der Ausflug ein unvergessliches Erlebnis. Hier gibt’s mehr als 80 Inseln von Wasserarmen zerteilt. Um sie alle zu erleben, müsste man mindestens zwei Woche Zeit haben! Die meist besuchten Inseln sind Grande, Canárias und die Cajú. Auf ihnen findet man – ausser den ausgelassenen menschlichen Bewohnern – Affen, Wickelbären, Hirsche, Reiher und Kaimane. Die grösste wirtschaftliche Rendite bringt den Bewohnern der Krebsfang. Das Parnaíba-Delta ist der grösste Krebs-Produzent Brasiliens.

Ausser den Dünen, Stränden, Flüssen und Wasserarmen präsentiert das Delta ausgedehnte Mangrove-Dschungel. Die Mangroven gehören zu den wichtigsten Ökosystemen für das Gleichgewicht unter den Spezies der Küstenregionen. Hier beginnt das Leben der Meeresfauna und hier ernährt sie sich und pflanzt sich fort. Deshalb spricht man von den Mangroven als einer „Geburtsanstalt des Meeres“ und für uns sind sie eine wahre „Augenwaide“!

Das gesamte Delta steht unter Naturschutz.