Candomblé

Veröffentlicht am 18. Oktober 2009

Bahiana kochenDie lächelnde Extrovertiertheit der Bahianer mag bei manchem Besucher den Eindruck erwecken, Salvador sei, vor allem anderen, eine lustige, fröhliche Stadt. Das ist sie sicher nicht. Zu viele Bettlerhände recken sich dem Fremden entgegen, zu viele hungrige Kinder schauen aus düsteren Fenstern, zu viele Behinderte schleppen sich auf den Strassen herum, die hier – anders als im zivilisierten Mitteleuropa – nicht in Heime abgeschoben werden, um das Gewissen der Gesellschaft nicht zu belasten, sondern am Leben der Gemeinschaft teilnehmen.

Es ist die überraschende Lebensbejahung, eine für sie unverständliche Lebensintensität, die viele Europäer verlegen macht, weil sie darunter bisher lediglich Amüsement verstanden, aber das ist es nicht. Wo der Tod die Vergangenheit überschattet und auch die Gegenwart stets begleitet, ist nicht Geld, sondern das Spüren des eigenen elementaren Lebens immer wieder Anlass zur Freude. Der eigene Herzschlag wird im Rhythmus des Tamburins für alle hörbar, das Pochen des Blutes in den Schlägen der Trommel, die Seele schwingt im dumpf zitternden Ton des „Berimbáu“.

Eine Illusion von „Mama África“ verbindet die Nachfahren vieler Stämme, die einst gewaltsam auseinander gerissen und hierher verpflanzt wurden, eine synthetische afrikanische Nation, aber seit dem Ende der Sklaverei durchpulst von einer neuen Vitalität und regiert von ihren eigenen Gottheiten, die sich über Jahrhunderte hinter den katholischen Heiligen zu verbergen wussten – in einem geduldigen Synkretismus.

Heute ist der „Candomblé“ frei, wird nicht mehr als heidnisches Ritual verfolgt und ein Viertel aller weissen Brasilianer bekennen sich inzwischen ebenfalls zu den Göttern der ehemaligen schwarzen Sklaven. Die Kirche reagiert – hie und da steht mit weisser Farbe an einer Mauer: „Gott verurteilt den Candomblé“, Spannung wird erzeugt, aber kein Glaubenskampf.

Es ist schon Tradition in Bahia, dass man am Freitag weisse Kleidung anzieht, um den Gott „Oxalá“ zu ehren, der im Synkretismus mit der katholischen Religion der Portugiesen durch Jesus Christus vertreten wurde, aber dazu braucht man kein Mitglied eines „Candomblé“ zu sein.

Viele andere Sitten und Gebräuche, die einmal mit jener Afro-Religion nach Bahia kamen, haben sich im täglichen Leben der modernen „Baianos“ festgesetzt. In allen Rassen und in allen sozialen Schichten.

Zu Beginn der Kolonisation wurden die Rituale des „Candomblé“ nur innerhalb der „Senzalas“ (Sklavenquartiere) der Pflanzungen praktiziert, auf dem Gelände der Fazendas. Das älteste „Terreiro de Candomblé“ (rituelles Versammlungshaus des Candomblé), in Bahia, wurde vor 450 Jahren gegründet, es ist bekannt unter dem Namen „Engenho Velho“ oder „Casa Branca“ und befindet sich in der Avenida Vasco da Gama, in Salvador.

Aus diesem gingen später zwei andere „Terreiros“ hervor, die auch heute noch von grosser Bedeutung für ihre Anhänger sind: das „Gantois“, in der „Federação“, und das „Axé Opô Afonjá“, in „São Gonçalo do Retiro“. Aus diesen beiden entwickelten sich viele andere – in jedem Stadtteil ein „Terreiro“ – und in jeder Stadt des Interior, ebenfalls.

nach obenDER CANDOMBLÉ

Der Candomblé ist eine uralte afrikanische Naturreligion, die Naturgötter, die „Orixas“ verehrt und ihnen Opfer bringt. Sie stammen aus den vier Grundelementen: Erde, Feuer, Wasser und Luft. Unter ihnen „Orixas“ des Kampfes, Beschützer des Waldes, der werdenden Mütter, der Seeleute und Fischer und der Armen. Jeder „Orixá“ hat seinen synkretistischen Korrespondenten unter den Heiligen der katholischen Kirche, mit seinen persönlichen Charakteristika, wie: Wochentag, Farbe, Kleidung, Gruss und Lieblingsspeise.

Der Sonntag ist offen für alle Götter. Wenn Sie sich mit einem von ihnen identifizieren möchten, können Sie zu ihm beten, indem Sie – vor allem andern – ihn um Gesundheit, seinen persönlichen Schutz und Frieden bitten. Zum Beispiel:

EXÚ

exu
Der Vermittler zwischen den Menschen und den Orixás. Sein Tag ist Montag, seine Farbe Rot, er liebt Alkohol und dicke Zigarren.

OGUM

oxum
Er löst Probleme, öffnet neue Wege. Sein Tag ist Montag, seine Farbe Dunkelblau. Synkretismus: Santo Antônio.

OXÓSSI

oxossi
Gott der Jagd, wohnt in den Wäldern. Sein Tag ist Donnerstag, seine Farben Grün und Blau. Synkretismus: São Sebastião.

XANGÓ

xango
Gott der Sexualität, sein Symbol ist die zweischneidige Flügel-Axt. Sein Tag ist Mittwoch, seine Farben Rot und Weiss. Synkretismus: São Gerônimo.

IANSÃ

ians
Göttin des Windes und der Gewitter. Ihr Tag ist Mittwoch, ihre Farbe Rot. Synkretismus: Santa Bárbara.

OXUM

oxum
Gott des Blitzes und des Donners, der Schönheit und des Spiels. Sein Tag ist Samstag, seine Farbe Goldgelb

OBÁ

oba
Tochter von Oxum. Ihr Tag ist Mittwoch, ihre Farben Weiss und Rot. Synkretismus: Jeanne d’Arc.

OMOLÚ

omolu
Beschützt gegen Krankheiten. Sein Tag ist Montag, seine Farben Rot und Schwarz. Synkretismus: São Lázaro.

NANÃ

nana
Die älteste der Wassergottheiten. Ihr Tag ist Dienstag, ihre Farben Weiss und Blau. Synkretismus: Senhora Santana.

LOKO

logunede
Gott der Strassen und Beschützer der Armen. Sein Tag ist Dienstag, seine Farbe ist Weiss. Synkretismus: São Francisco.

OSSAIN

ossain
Herr der Pflanzen und Blätter, ist der Arzt des Candomblé. Die „Blätter“ sind in Form von Bädern und Tees stets präsent in der Mystik des Candomblé. Sein Tag ist Montag, seine Farben Rot und Blau. Synkretismus: São Benedito.

OXALÁ

Ist der Gott des Wachstums von Mensch und Natur, Sohn des Gottes Omolú. Sein Tag ist Freitag, seine Farbe Weiss. Synkretismus: Senhor do Bonfim.

IEMANJÁ

yemanj
Dargestellt als Meerjungfrau, die Göttin des Wassers. Ihr Tag ist Samstag, ihre Farben Hellrosa und Hellblau.

IFÁ

ians
Göttin des Rats und der Entscheidung, sie empfiehlt die Initiation eines neuen Gemeindemitglieds oder den Wechsel einer „Babalorixá“. Ihr Tag ist Donnerstag, ihre Farbe Weiss. Synkretismus: Santissimo Sacramento.

Anmerkung:

Zwei weitere Termini werden im Zusammenhang mit afro-brasilianischer Religion benutzt: Einmal die „Macumba“ – im Allgemeinen im Einzugsbereich von Rio de Janeiro – als Sammelbegriff für alle afro-brasilianischen Kulthandlungen. Dieser Begriff war am Anfang des 20. Jahrhunderts sehr populär, hat aber dann einen etwas diskriminierenden Anstrich bekommen und ist ausserdem auch im spirituellen Sinn nicht korrekt. Jemanden heute einen „Macumbeiro“ zu nennen, ist eine Beleidigung.

Der zweite Begriff  ist „Quimbanda“. Er betrifft die so genannte „dunkle Seite“ der afro-brasilianischen Religion, assoziiert mit schwarzer Magie und Hexerei. Eine so genannte „Arbeit der Quimbanda“ bezeichnet ein Ritual, bestellt und ausgeführt um jemanden mit Hilfe von Opfergaben zu verletzen, wenn nicht gar zu töten. Zum Beispiel ausgeführt auf Friedhöfen oder an Strassenkreuzungen, bedienen sich diese magischen Rituale oft Wachspuppen des betreffenden Opfers (wie beim Voodoo) oder imaginärer Praktiken, wie zum Beispiel dem Schreiben des Namens des Opfers auf ein Blatt Papier, und danach knüllt man es zusammen, steckt es ins Maul eines Frosches und näht dieses dann zu. Das Opfer soll einen ebenso qualvollen Tod sterben wie der arme Frosch. Quimbanda wird unter strikter Geheimhaltung praktiziert – aber man wird niemanden finden, der zugibt, mit solch schwarzer Magie in Verbindung zu stehen.

Alle Zeichnungen Copyright by Carnaxe

nach obenBAIANAS

Um noch einmal auf die typischen „Baianas“ zurückzukommen, jene ambulanten Freiluft-Köchinnen auf den Strassen und Plätzen Salvadors: Die Mehrheit von ihnen macht diese Arbeit auf „Befehl eines Heiligen“, um ihn damit zu ehren und ihm zu gehorchen, damit er ihr seinerseits in einem persönlichen Problem beisteht. Der aufmerksame Beobachter wird entdecken, dass sie jeden Tag in andere Farben gekleidet an ihrem Standplatz erscheint, in Referenz an den Heiligen des entsprechenden Tages und seiner bevorzugten Farben.

Um den Hals trägt sie die Glasperlen- oder Muschel-Ketten in den Farben des Heiligen in ihrem Kopf, oder solcher Heiliger, die sie besonders mag oder, denen sie das Opfer bringen muss. Die Kleidung, nach afrikanischen Originalen angefertigt, ist inzwischen zu einer Art bahianischer Handelsmarke geworden: der untere Reifrock, welcher bis zu sechs Röcke darüber kreisförmig aufbauscht, der Spitzenbluse, einem Rückentuch, dem Turban und den Ledersandalen, die vorne geschlossen und hinten offen sind.

Beobachten Sie einmal, wenn Sie bei einer dieser schwarzen Damen ihren ersten “ Acarajé“ bestellt haben, wie sie winzige Teigbatzen ins siedende Öl fallen lässt, noch bevor sie Ihre Bestellung ausführt. Diese kleinen Acarajés sind Opfergaben für die „Orixás Meninos“, die Kinder ihrer Heiligen, welche „Ibêje“ genannt werden.

Die Zeitungen Salvadors informieren am Freitag oder Samstag unter der Rubrik „Serviços“ über die Candomblé-Zeremonien des Wochenendes. Und am Samstagabend schwingt in den belebten Strassen, über den Verkehrsgeräuschen und dem Gedudel aus den Bars, der Ruf der Trommel. Menschen strömen in unscheinbare, meist hinter Bäumen verborgene „Terreiros“, wo sie unter Leitung einer Zeremonienmeisterin, der „Babalorixá“, ihren Göttern huldigen und ihre geheimen Initiations-Riten zelebrieren. Stunden, manchmal bis zum frühen Morgen dauern diese Zeremonien, bei denen auch Fremde – ohne Fotoapparat – als stille Beobachter willkommen sind.

Stark und zuversichtlich begegnet man hier dem Glauben – menschenbezogen und auf die persönlichen Probleme der Gläubigen ausgerichtet. So kann man den Computerspezialisten aus São Paulo durchaus bei einem Candomblé antreffen, wo er vor einem Medium in Trance auf dem harten Zementboden kniet und den Arzt des Candomblé, Ossain bittet, seine Rückenschmerzen zu heilen. Ossain spricht aus dem Medium mit dem Bittsteller, macht ihm ein paar Auflagen und verspricht Hilfe.

Trotz Computern und Internet, trotz sämtlicher Errungenschaften des 21. Jahrhunderts hält man in Brasilien bedingungslos am Irrationalen fest. Erstens ist der Mensch ja zutiefst irrational, folglich der Glaube an das Irrationale logischer. Zweitens ist es unwahrscheinlicher von etwas Irrationalem enttäuscht zu werden als von einer Realität.

Vom selbstbewussten Salvador gehen heute Impulse aus, die in ganz Brasilien die Selbstsicherheit und Zuversicht der schwarzen Rasse stärken. Auch der Candomblé wird überall offen zelebriert, allerdings unter wechselndem Namen: „Umbanda“ nennt man ihn in Rio de Janeiro, „Xangó“ in Recife, „Babassué“ am Amazonas, „Tambor“ in Maranhão und „Batuque“ im Süden des Landes.

Die wachsende Anhängerschar muss natürlich versorgt werden, also gibt es im ganzen Land Dutzende von Ladenketten, in denen man von einfachen Räucherstäbchen und bunten Kerzen bis zur bevorzugten Kleidung der „Santos“ und meterhohen Teufelsstatuen alles erstehen kann, was die Eitelkeit der Bittsteller wie der Götter zufrieden stellt.