Aus der Geschichte des Bundesstaates Tocantins

Veröffentlicht am 16. Oktober 2009

Der Bundesstaat von Tocantins wurde erst am 05. Oktober 1988 offiziell gegründet und ist damit eine der jüngsten Staatsgründungen in der brasilianischen Geschichte. Trotzdem reicht die Idee, diesen nördlichsten Zipfel des Bundesstaates Goiás in einen unabhängigen Staat umzuwandeln, bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts zurück, als am 15. September 1821 der Repräsentant der portugiesischen Krone im Norden von Goiás, Joaquim Theotônio Segurado, sich gegen die Isolation der nördlichen Region empörte und einfach die „Autonome Regierung von Tocantins“ ausrief.

Der extreme Norden von Goiás wurde erstmals von couragierten katholischen Missionaren unter der Leitung von Frei Cristóvão de Lisboa durchstreift, die im Jahr 1625 in der Region des Rio Tocantins eine Missionsstation gründeten. Während der zwei folgenden Jahrhunderte kamen Immigranten aus dem Norden und dem Nordosten in die Gegend und blieben. Aus dem Süden marschierten die „Bandeirantes“, unter ihrem Führer Bartolomeu Bueno, durch die Regionen, die heute zu Goiás und zu Tocantins gehören. Und während des 18. Jahrhunderts formten sich hier zwei grundverschiedene Kulturen: auf der einen Seite die „Sulistas“ aus São Paulo, und zur anderen die „Nortistas“, aus dem brasilianischen Nordosten.

Bedingt durch die sehr schwierige Verbindung mit dem Süden des Bundesstaates Goiás nahmen die Bewohner von Nord-Goiás Verbindung mit den Bewohnern der nördlichen Nachbarstaaten auf, also mit Maranhão und Pará und stabilisierten ihre Geschäftsverbindungen mit ihnen. Diese „separatistische“ Haltung führte schliesslich zum Aufstand gegen den Süden unter „Theotônio“.   

Dieser Theotônio war 1809, vom damaligen Don João VI persönlich, zum „Desembargador“ ernannt worden, denn er hatte eine besondere Geschicklichkeit im Schiffstransportwesen bewiesen. Güter konnten unter seiner Initiative auf dem Rio Tocantins bis nach Belém/Pará verschifft werden. Nun richtete sich sein Aufstand auch gegen die schwere Steuerlast, die der Region auferlegt worden war, „ohne dass die Krone je etwas in diese Gegend investiert hätte“! Theotônio stellte sich als Führer an die Spitze seiner „Separatistas“, und installierte seine provisorische Regierung in Cavalcante – später zog er nach São João da Palma um, dem heutigen Bundesstaat „Paranã“ und danach nach „Natividade“. Nur ein Jahr später wurde ihm dann mit der Unabhängigkeit Brasiliens der Wind aus den Segeln genommen.

Aber der Kampf um die Eigenständigkeit des Nordzipfels von Goiás wurde ein Kampf vieler Generationen „Tocantinenser“ – bis es endlich im Jahr 1988 dem damaligen Abgeordneten Siqueira Campos gelang, sich anlässlich der Neuverfassung der brasilianischen Konstitution, in der Nationalversammlung durchzusetzen. 18 Jahre lang – während seiner gesamten Amtszeit – hatte er immer wieder sein dringlichstes Anliegen vorgebracht. Zweimal gelang es ihm sogar die Zustimmung des Nationalkongresses zu bekommen – aber seine Hoffnungen wurden wieder zerstört durch die Ablehnung der Präsidenten João Figueiredo und später auch die von José Sarney.

Während Siqueira Campos in Brasília für die Unabhängigkeit der Region am Tocantins eintrat – dabei schreckte er auch vor einem persönlichen Hungerstreik in bester „Ghandiistischer Tradition“ nicht zurück und verkündete, dass er „entschlossen sei, diesen Kampf bis zur letzten Konsequenz zu führen“, machten die „Tocantinenser Bürger“ vor Ort mobil: in „Tocantinópolis“, in „Porto Nacional“, in „Natividade“ und anderen Orten rotteten sie sich zusammen, und das Fernsehen verbreitete ihre glühenden Ansprachen im ganzen Land. Doch ehe es zu Ausschreitungen kommen konnte, hatte der Nationalkongress, und diesmal auch die Regierung ein Einsehen – angesichts der „politischen, wirtschaftlichen und sozialen Isolation“, in der die Bevölkerung des Nordens von Goiás sich befand – ausgeschlossen von den Zuwendungen aus Brasília zur Entwicklung von Goiás, denn deren Investitionen konzentrierten sich traditionsgemäss auf die südliche Region – kam die Zustimmung der Kollegen endlich einstimmig – am 27. Juli 1988.

40 Tage nach der endgültigen Staatsgründung, am 15. November 1988, schritten die Bürger von Tocantins zum ersten Mal zu freien Wahlen. Es versteht sich von selbst, dass sie zu ihrem Gouverneur Herrn Siqueira Campos beriefen, der am 01. Januar 1989 die Regierung des neuen Staates in der Stadt „Miracema do Tocantins“ übernahm, solange der Bau von „Palmas“ noch nicht beendet war.

Der Grundstein für die Hauptstadt „Palmas“ wurde am 20. Mai 1989 gelegt – die letzte auf dem Reissbrett geplante Stadt des 20. Jahrhunderts wurde gebaut – und am 01. Januar 1990 zog die Regierung von Miracema nach dem neuen Palmas um. Ihren Namen bekam die neue Hauptstadt zu Ehren von „São João da Palma“, dem Sitz der ersten Separatistenbewegung der Region, welche 1809 am Zufluss des Rio Palma in den Paraná installiert war.