Die Transamazônica

Veröffentlicht am 16. Oktober 2009

Fast unberührt von der technisierten Aussenwelt lebten die Ureinwohner Amazoniens, die Indianer, über Jahrhunderte in ihrem grünen Paradies – und in beispielhafter Harmonie mit ihrer sensiblen Umwelt. Als dann die Brasilianische Militär-Regierung, unter Präsident Emílio Garastazú Medici, am 09. Oktober 1970 zum Sturm auf die bis dato unwegsame Wildnis blies, kam für viele Indianer die Apokalypse in Form einer 4.500 Kilometer langen Bresche, die von Tausenden von Arbeitern mit stählernen Monstern durch ihren angestammten Lebensraum getrieben wurde – die „Transamazônica“. Lautlos und unsichtbar aus dem grünen Vorhang heraus verfolgten die erschreckten Waldmenschen den Raubbau an der Natur: Millionen jahrhundertealter Bäume, so hoch wie 12-stöckige Häuser, wurden gefällt – Millionen Kubikmeter Erde auf- und umgeschichtet – die grösste Baustelle der Welt – eine klaffende Wunde im lebensspendenden Organismus des Regenwaldes.

Im Konvoi der Strassenarbeiter wagten sich auch die ersten Siedler, die vor der Trockenheit des Nordostens, oder der Arbeitslosigkeit im Süden, flüchteten, in diesen hoffnungsvollen, regenreichen Raum. Propaganda-Flugblätter der Militärregierung versprachen ihnen die Überschreibung des von ihnen besetzten Landes und dazu umfangreiche Startkredite. Also legten sie Feuer an die ihnen so feindlich erscheinende Natur und brannten sich ihren neuen Lebensraum in den Wald. Analphabeten die meisten unter ihnen und nicht ahnend, dass sie damit anfingen, an ihrem eigenen Ast zu sägen. Sie erkannten zwar bald, dass der Urwaldboden nach einer ersten Ernte zu schwach ist, eine zweite oder dritte hervorzubringen – also brannten sie neue Felder heraus – eine wahnwitzige Vernichtungswelle gegen eine wissenschaftlich teilweise noch nicht einmal katalogisierte Flora und Fauna kam in Gang.

Sowohl die Siedler als auch die Regierung haben sich gründlich verrechnet: Die Transamazônica hat die Staatskasse geleert, die Startkredite der Neusiedler waren schnell verbraucht, Krankheiten grassierten und die Reste von Optimismus wurden regelmässig von den gewaltigen Tropenregen hinweggespült.

Als der Präsident Medici 1970 das „Programm zur Nationalen Integration“ (PIN) verkündete, um, unter anderem, auch 100.000 Familien aus dem trockenen Nordosten entlang einer quer durch das Amazonasgebiet geschlagenen Trasse anzusiedeln, setzte er eine wahre Welle von Einwanderern in Gang – Tausende wurden entlang der neuen, und auch entlang der schon bestehenden Verbindungspisten, abgesetzt – von Pará bis zum Acre, von Rondônia bis nach Roraima. Heute weiss man, dass diese forcierte Emigration zum Amazonas als Ventil für den sich in anderen Regionen Brasiliens zusammenbrauenden Unwillen gegenüber der allgemeinen sozialen Ungerechtigkeit im Land, gedacht war.

Die „Öffnung des Nordens“ sollte gleichzeitig mit der notwendig gewordenen Modernisierung der Landwirtschaft im zentralen Süden, besonders in Paraná, vor sich gehen – mit dem Ersatz der Kaffee- und Baumwoll-Plantagen durch Soja und Zuckerrohr – so hatte sich die Regierung das gedacht. Denn diese Situation im Süden hatte 1 Million Familien in die Arbeitslosigkeit geschleudert – auf die Strasse – und in die totale Misere. Und um die Situation zu entschärfen, beeilte man sich besonders mit dieser „Öffnung des Nordens“. Alles wurde viel zu schnell und unüberlegt getan und die willigen Einwanderer mit falschen Versprechungen, wie Krediten, Landbesitz, Infrastruktur, Schulen und Gesundheitsversorgung geködert und zur Bekräftigung gab man jedem von ihnen ein kleines „Startgeld“ in die Hand.

Sie gingen jubelnd auf die tage- und für viele sogar wochenlange Anreise – und fanden bald heraus, dass der Regenwald sie nicht mit offenen Armen aufnahm. Das kleine Startgeld war bei den Wucherpreisen im Urwald bald verbraucht. Die ersten Mitglieder der Familie erkrankten an der Malaria oder an Typhus – die nächste Gesundheitsfürsorge noch ein- bis zweitausend Kilometer weit weg. Viele Familien gaben schon bald auf. Ganze Siedlungsgemeinschaften scheiterten. Wer heute einen Teil der Transamazônica bereist, wird ihre leerstehenden Hütten entdecken, über die der Urwald einen grünen Schleier von Kletterpflanzen gebreitet hat, mit entzückenden rosa- und lilafarbenen Blüten dazwischen.

Ursprünglich war die Transamazônica als Einschnitt von einem Extrem Brasiliens zum andern geplant – von „João Pessoa/Paraíba, an der Ostküste, bis nach „Cruzeiro do Sul“/Bundesstaat Acre, im extremen Westen. Eine Gesamtstrecke von 5.296 Kilometer, „ein Werk, welches mit nacktem Auge von einem Raumschiff zu erkennen sein sollte“. Der erste Teil von 1.070 km, welcher „Itaituba/Pará“ mit „Humaitá/Pará“ verbinden sollte, wurde für den Verkehr am 31. Januar 1974 geöffnet – als rohe Erdpiste, an der die ersten Regenfälle bereits drastische Veränderungen durch Erosionsrutsche bewirkten. Asphalt gab es nur zwischen „João Pessoa“ und „Floriano“, in Piauí – die ersten 1.000 Kilometer. Und dabei blieb es – ein anderer Teil von 750 km wurde nur mit Schotter bestreut – insgesamt blieben ein bisschen mehr als 1.400 km „befahrbar“.

Nur die ersten 1.230 Kilometer der Transamazônica werden heute noch benutzt – bis in „Itaitúba“, am Rio Tapajós, sind einige der Siedler geblieben. Dahinter verfaulten die Holzbrücken und schloss die schnell wuchernde Vegetation die klaffende Wunde. Es scheint, als ob der Regenwald dort den Krieg gewonnen hat.

Manche der schon bestehenden Siedlungen dagegen – einst nur über die Wasserstrassen erreichbar – sind inzwischen enorm gewachsen. Zum Beispiel hatte „Marabá“ 1970 nur etwa 5.000 Einwohner – 1978 war der Ort bereits auf 50.000 angewachsen und heute sind noch einmal doppelt so viele Menschen hinzugekommen.

In Itaitúba, am Rio Tapajós, stiess man unerwartet auf reiche Goldvorkommen: 500 Kilogramm werden monatlich aus den die Stadt umgebenden Flüssen herausgewaschen.

Aber die Transamazônica-Euphorie ist nicht nur abgekühlt, sondern hat sich ins Gegenteil verkehrt: Die meisten Emigranten, denen es innerhalb von 30 Jahren nicht gelungen ist, reuevoll in ihre alte Heimat im Nordosten zurückzukehren, sind entweder gestorben oder fristen ihr Leben innerhalb der von ihnen gefürchteten „Grünen Hölle“ in totaler Misere.

Die nicht mehr zu bewältigende Administration hatte in den letzten Jahren die Verantwortlichen in der Regierung zu einem Experiment verführt: der Industrie freie Hand zur Erschliessung des Urwaldes zu lassen. Und prompt stürzten sich die Unternehmer auf den Ausverkauf der „Grünen Hölle“. Erst mit der „Internationalen Umweltkonferenz in Rio“ (1991) fing man auch in Brasilien endlich an, die lebenswichtige Bedeutung aller natürlichen Ressourcen zu erkennen und erste Gesetze zu ihrem offiziellen Schutz zu entwerfen. Das von der ganzen übrigen Welt observierte Amazonasgebiet stand dafür ganz oben auf der Liste.

Die IBAMA (Brasilianische Organisation zum Schutz der Umwelt) wurde als oberste Naturschutzbehörde gegründet, um auf ganz Amazonien und den Rest Brasiliens ein waches Auge zu haben und gegen Umweltsünder rigoros vorzugehen – inzwischen auch per Satellit und einem mit amerikanischer Hilfe konstruierten Radarstationen-Netz im Amazonasgebiet. Noch sind die Erfolge gering, aber das Umweltbewusstsein innerhalb der breiten Bevölkerung wächst spürbar – der Nachwuchs in den Schulen wird mit Umweltschutz-Themen konfrontiert – Erwachsene lernen von ihren Kindern. Vielleicht ist es in Brasilien noch nicht zu spät?

Inzwischen ist auch dem letzten Nationalisten klar geworden, dass die „TRANSAMAZÔNICA“ eine der allergrössten Fehlplanungen, Fehlentscheidungen und Fehlinvestitionen der neueren brasilianischen Geschichte gewesen ist. Aber sie hat wenigstens auch den skrupellosesten Unternehmern und hartgesottensten Ingenieuren gezeigt, dass der Amazonas-Regenwald ein lebender Organismus ist, der einen solchen operativen Einschnitt nicht ohne Gegenwehr einfach hinnimmt – er leidet, er wehrt sich, und überlebt – wenigstens vorläufig noch – und die gefährliche Wunde vernarbt langsam. Heute ist die TRANSAMAZÔNICA nur noch eine Narbe, über die, an vielen Stellen, erst die zarten Finger der Kletterpflanzen und Ranken und später die ganze „Hylaea Amazonica“ sich verzeihend schliesst.

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Noch unangefochten zieht der „Vater der Ströme“ seine Bahn – 1.000 Kilometer weiter nördlich der Transamazônica. Eine natürliche Wasserstrasse durch die immergrüne Wildnis und mit 7.300 Kilometern auch die längste der Welt. Sechsmal so lang wie der Rhein, von 1.100 nennenswerten Nebenflüssen gespeist – 20 von ihnen ebenfalls länger als der Rhein.

Die Tiefe des Hauptstromes schwankt zwischen 10 und 60 Metern, seine Breite zwischen 1,5 Kilometern an der peruanischen Grenze und 6 Kilometern am Unterlauf – das Delta erreicht sogar eine Breite von 250 Kilometern! Daraus ergiessen sich pro Sekunde 160.000 Kubikmeter Wasser ins Meer, mehr als bei Nil und Mississippi, den nächst grössten, zusammen!