Musik und Tanz

Veröffentlicht am 15. Oktober 2009

In Pará bekommt der Besucher von Nord bis Süd, Ost und West exotische Musik und tänzerische Köstlichkeiten serviert – alle ganz verschieden in Rhythmus und den getanzten Figuren – überraschend in den Farben und Eigenheiten der jeweiligen Choreographie, aber mitreissend sind sie alle. Die Menschen dieses Landes haben die Begeisterung für den Strassentanz im Blut und stellen ihre besondere Sensualität für die heissen Rhythmen, wie zum Beispiel den „Lundu“, in einer Art zur Schau, die dem Besucher die Sprache verschlägt. Wenn man durchs Interior reisst, kann man schon von weitem die kräftigen Trommelschläge des „Carimbó“ vernehmen oder das Stampfen der Füsse beim „Xote Bragantino“.

Der Ausdruck im Tanz ist spontan und hat eine lange Tradition – meistens aber gar kein bestimmtes Datum – er geschieht einfach! Und das hängt mit der Lust der Menschen zusammen, sich zu vergnügen – und erhält so unsere Kultur und Tradition.

CARIMBÓ
Dieser aussergewöhnliche und künstlerisch kreative Tanz geht auf die „Tupinambá-Indianer“ zurück, die, so schrieben die Historiker, mit ungewöhnlich künstlerischem Talent ausgestattet waren und von den benachbarten Stämmen als wahre Halbgötter verehrt und gefürchtet wurden.

Carimbo

Am Anfang, so scheint es, wurde der „Tanz des Carimbó“ von den Indianern, wie die meisten Eingeborenentänze im allgemeinen, in einem monotonen Singsang und mit schleppenden Schritten ausgeführt. Als dann die afrikanischen Sklaven mit dem Tanz der Tupinambás in Kontakt kamen, perfektionierten sie ihn auf ihre Weise, indem sie besonders die Monotonie der „schleppenden Schritte“ in vibrierende Saltos und Sprünge verwandelten, welche mit einer Variante von typisch afrikanischen Trommelwirbeln enorm an Show gewann. Und mit dieser Darbietung entzündeten sie sogar das kühlere Temperament der portugiesischen Kolonisatoren, die, in ihrem Interesse für die verschiedensten Arbeiten entsprechende Arbeitskräfte zu finden, solche Manifestationen nicht nur stimulierten, sondern sich sogar ausnahmsweise auch an ihnen beteiligten. Und so vervollständigten sie den Carimbó mit ihren typisch andalusischen Tanzschritten und ihren portugiesischen Tanzbewegungen. Deshalb entdeckt man auch heute im Carimbó einige Bewegungen der portugiesischen Folklore und ist überrascht, wenn man in den Rhythmus schnippenden Fingern der Tänzer die Kastagnetten Andalusiens herauszuhören meint.

Choreographie:
Der Tanz wird von Paaren ausgeführt. Er beginnt mit zwei Reihen von Männern und Frauen, die dem Zentrum des Saals oder Platzes zugekehrt sind. Wenn die Musik einsetzt, schreiten die Männer in Richtung der Frauen, und vor ihren Damen klatschen sie rhythmisch in die Hände – als Aufforderung zum Tanz.
Die Paare formieren sich und drehen sich um sich selbst – alle Paare zusammen bilden einen sich gegen den Uhrzeigersinn drehenden Gesamtkreis. Jetzt bemerkt man auch den ursprünglichen indianischen Einfluss: die Tänzer machen ein paar Bewegungen mit dem nach vorne geneigten Oberkörper, den sie jeweils mit einem Fuss, im Rhythmus der Musik, „nach vorne ziehen“.

Die Damen, lieblich anzusehen in ihrer dekorativen Aufmachung, pflegen ihrem Kavalier den Saum ihres Krenolinen-Rockes ins Gesicht zu schleudern, wenn er sich auch nur einen Moment lang nicht auf seine Partnerin konzentriert – eine solche „Blamage“ wird dann von den anderen Tänzern und Tänzerinnen mit schrillem Gelächter und Buh-Rufen quittiert. Und dann muss der Ausgelachte das Tanzparkett verlassen.

Ein bestimmter Tanzabschnitt ist der „Tanz des Truthahns“ (Peru de Atalaia): indem einer der Tänzer aufgefordert wird, das auf dem Boden ausgebreitete Taschentuch seiner Dame mit dem Mund aufzunehmen – nur mit dem Mund und ohne die Hände zu gebrauchen. Wenn es ihm nicht gelingt, schleudert ihm seine Partnerin ihren Rocksaum ins Gesicht und, unter dem Gelächter seiner Kameraden, muss er das Parkett räumen. Gelingt es ihm aber, ist ihm der Applaus sicher – auch der des Publikums.

Aufmachung der Tänzer: alle präsentieren sich barfuss. Die Damen in bunten Röcken – voller Fransen und kreolinenartig weit – einfarbige Blusen, Halsketten und Armbänder aus grossen Samenkapseln und Kernen. Die Haare sind besteckt mit Rosenzweigen oder Jasmin. Die Männer tragen hellblaue Hosen und Hemden im gleichen Farbton, deren Zipfel über dem Nabel verknotet sind. Ein grellrotes Halstuch vervollständigt ihre Tracht.

Der Name „Carimbó“ stammt von den beiden Trommeln, die bei diesem Tanz den Grundrhythmus angeben – verschieden dimensioniert, um einen hörbaren Tonkontrast zu erzeugen. In der Sprache der Eingeborenen setzt sich „Carimbó“ aus „Curi (Holz) und „Mbó“ (Hohl oder ausgehöhlt) zusammen. Ausser den beiden Trommeln – auf denen die beiden Schläger übrigens rittlings sitzen, um ihre Instrumente mit je zwei Schlegeln zum Klingen zu bringen – gehören noch zur Band: eine „Ganzá“ (hohle Kalebasse mit einem Stiel zum Halten – ihre Oberfläche ist gekerbt und darüber ein Netz mit Samenperlen gespannt, welches man im Rhythmus hin und herbewegt und ein ratschendes Geräusch ertönt), ein „Reco-Reco“ (Stück Bambus mit Einkerbungen, über die ein Stöckchen im Rhythmus hin und herbewegt wird), ein Banjo, eine Flöte, Maracá-Rasseln und „Pandeiros“ (Tamburine). So erzeugt man den charakteristischen Sound – ohne den Gebrauch von elektronischen Instrumenten.  

XOTE (SCOTINCH)
Basiert auf dem berühmten schottischen Tanz des 18. Jahrhunderts, der damals ganz Europa eroberte. In England wurde aus ihm ein Tanz voller Sprünge. In Deutschland bekam er einen Touch vom Wiener Walzer –- in Frankreich wurden die Schritte halb klassisch zelebriert, sehr viel langsamer als im Original. Vielleicht aus Gründen der herrschenden Damenmode, deren üppige Kreationen schnelle Bewegungen nicht erlaubte.
Durch die Immigranten auch nach Brasilien verschleppt, wurde der „Xote“ sogleich einer der beliebtesten brasilianischen Modetänze – und auch von den Brasilianern mit entsprechenden Retuschen und Ergänzungen versehen.
In Pará wurde der Tanz auf allen Festlichkeiten von den portugiesischen Herrschaften gepflegt, während ihre Sklaven ihnen von ferne zusahen. Als die Schwarzen später die „Irmandade de São Benedito“ im Distrikt „Bragança“ gründeten – aus dem das folkloristische „Marujada-Fest“ hervorgegangen ist – bekam in ihm auch der „Xote“ seinen gebührenden Platz.

LUNDU und MAXIXE
Sind in Afrika entstandene Tänze, die mit den Sklaven nach Brasilien kamen. Die besondere Sensualität der Körperbewegungen hat sowohl den Hof des Kaisers als auch den Vatikan veranlasst, diese Tänze in ganz Brasilien zu verbieten. Aber wie es so geht: was verboten ist, ist auch besonders reizvoll. Besonders in drei Bundesstaaten Brasiliens: in São Paulo, in Minas Gerais und in Pará, auf der Marajó-Insel, traf man sich heimlich zum „Lundu“ und besonders zum „Maxixe“ – jenem vom Pabst persönlich exkommunizierten Tanzvergnügen.

Choreographie:
Der Tanz symbolisiert die Einladung des Mannes an die Frau zu einem „sexuellen Liebesabenteuer“. Sowohl der „Lundu“ als auch der „Maxixe“ entwickeln diese Einladung zu einer überaus stimulierenden Bewegungsfolge, die sich wellenartig und äusserst eindeutig ausdrückt. Anfangs weigern sich die Frauen offensichtlich, den Männern zu Willen zu sein, aber schliesslich ergeben sie sich und folgen den Männern aus dem Saal, die Idee der endgültigen Vereinigung zurücklassend.

SIRIÁ
Ist der berühmte Volkstanz des paraensischen Distrikts Cametá mit einer der sehenswertesten Choreographien überhaupt. Aus musikalischer Sicht ist er eine Variante des „Afrikanischen Batuque“, der im Lauf der Zeit einige Änderungen erfahren hat, welche ihn aber enorm verbessert haben.
Man erzählt sich, dass die Negersklaven ihre Feldarbeit in der Regel ohne ein Anrecht auf geregelte Mahlzeiten verrichten mussten – nur am späten Nachmittag, zu Beginn ihrer Ruhezeit, war es ihnen gegönnt, sich mit der Jagd oder dem Fischfang etwas zum essen zu beschaffen.

Da die einsetzende Dunkelheit die Jagd im Wald erschwerte, verlegten sie sich vorzugsweise auf den Fischfang am nahen Strand. Aber es gelang ihnen selten, genügend Fische für alle zu erwischen. Dann geschah eines Nachmittags das Wunder: der Strand wimmelte von Sirí-Krebsen, die sich ohne grosse Mühe fangen liessen und den Hunger aller stillten. Und als sich dieses Wunder von nun an Tag für Tag wiederholte, schufen die dankbaren Sklaven jenen wunderbaren Tanz aus Dankbarkeit. Und da sie eine Kaffee-Pflanzung mit „Cafezá“ nannten, eine Zuckerrohr-Pflanzung „Canaviá“ und eine Pflanzung mit Reis „Arrozá“ – so nannten sie den Strand mit den vielen Sirí-Krebsen jetzt „Siriá“.