Kultur, Folklore

Veröffentlicht am 15. Oktober 2009

Unter den Nordbrasilianern fällt die Art, wie der „Paraense“ sich gibt, wie er spricht, singt, tanzt oder sich kleidet, besonders auf. Trotz aller Einflüsse aus den anderen Bundesstaaten Brasiliens, pflegt er seine Kultur mit Enthusiasmus und hat sich seine Zuneigung zu den besonderen Dingen seiner Heimat, tief im Innern, bewahrt – auch wenn er, aus besonderen Lebensumständen heraus, gezwungen ist, in einer anderen Stadt zu arbeiten, um sich hier seinen Lebensunterhalt zu verdienen – seine Träume erfüllen sich nur in Belém do Pará.

In den Strassen von Belém springt jemand plötzlich auf und rennt, um eine Manga (Mangofrucht) aufzufangen, die gerade überreif vom Baum fällt – hier gibt es so viele tropische Früchte – unmöglich, der süssen Versuchung zu widerstehen: „Manga, Cupuaçú, Bacuri, Taparebá, Muruci“ oder „Açaí“, um nur einige wenige zu nennen, sind als Säfte oder auch als Eiscremes tatsächlich göttlich.

Die exotische Musik und die mitreissenden Tänze, die Legenden und der allgemeine Mythos von Pará hinterlassen beim Besucher einen tiefen Eindruck von der Magie und der vibrierenden kulturellen Wurzeln der Menschen dieser Region. Alles hier ist ungewöhnlich und fremd in einem überraschend exotischen Sinn: die Choreografie einer Tanzdarbietung, die berauschend schönen lokalen Kostüme der Tänzer und Musikanten. Und dann die Musik und ihr Rhythmus selbst: „Cambó, Siriá und Lundú “ verführen auch den steifsten Touristen in ihrer Unwiderstehlichkeit. Während des ganzen Jahres kann man solche Volksfeste in Pará finden und ihnen beiwohnen: wie zum Beispiel der „Boi-Bumbá, die Marujada oder der Cairé“.

Erlebt man eines der zahlreichen Feste, in der Hauptstadt oder im Landesinnern, wird man unwillkürlich mitgerissen vom ansteckenden Rhythmus des „Carimbó“, ohne den keine Tanzveranstaltung in Pará denkbar wäre. Symbolische Werbung des Mannes um die Gunst einer Frau, getanzt in rhythmischer Vollendung und einer faszinierend sinnlichen Ekstase. Im Monat Juni, anlässlich der Sonnenwend-Feierlichkeiten (Festas Juninas), erscheinen die Städte im Bundesstaat Pará alle turbulent und bunt: Festplätze, Tanzgruppen, typische Gerichte und die bunten Fähnchen des „São João“ verleihen ihnen dann einen besonderen Charme.

Im Landesinnern erzählt man sich – so zwischen Tür und Angel, beim täglichen Plausch – auch die neuesten Stories vom „Delfin“, der eine Jungfrau geschwängert hat, oder die neuesten Untaten der „Matinta Perêra“ – denn das Volk ist hier noch zutiefst überzeugt von der Realität solcher mystischer Vorstellungen, und für sie sind Religion und Mystik durchaus kein Widerspruch.

Künstlerische Tradition hat die Töpferei, inspiriert von den Ureinwohnern, den ersten Indianern, die auf der „Marajó-Insel“ (Cerâmica Marajoara) lebten oder anderen (Cerâmica Tapajônica) vom Festland. Eine sehr rudimentäre Kunst, die sich in Gebrauchsgegenständen, dekorativen Stücken und allen Arten von Gefässen ausdrückt. Holzschnitzereien, Gegenstände aus Pflanzenfasern, aus Leder, aromatische Wurzeln und die bekannten „Geruchs-Puppen“ sind ebenfalls Teile des paraensischen Kunsthandwerks. Man findet sie auf offenen Märkten oder auch in entsprechenden Geschäften – ein Stück Pará zum mit nach Hause nehmen.

Pará ist aus dem Rhythmus und der Tradition von Rassen entstanden, die hier zusammen in Harmonie und gegenseitiger Toleranz einen Bundesstaat entwickelt haben, der heute genau durch diese faszinierende Mischung verschiedener Kulturen eine grosse Anziehung ausübt, auf Besucher aus aller Welt. Wer Pará besucht, der wird dem Rhythmus und der Melodie des Landes verfallen, seine exotische Küche wird ihn begeistern und sein gastfreundliches Volk wird sich in seiner Erinnerung unvergesslich einquartieren.

nach obenDAS GRÖSSTE FEST BRASILIENS

Die allgemeine Gläubigkeit nimmt während der Prozession des „Círio de Nazaré“ gigantische Dimensionen an – immer am zweiten Sonntag im Oktober – dem grössten religiösen Manifest Brasiliens, dem man im Volksmund auch den Namen „Weihnachten der Paraenses“ gegeben hat.

Seit 1793 findet dieses Fest jährlich in der Hauptstadt Belém statt: Ein kleines hölzernes Bildnis der „Jungfrau von Nazareth wird von der Kathedrale der Stadt bis zur Basilika der „Nossa Senhora de Nazaré“ getragen – diese Prozession, begleitet von Hunderttausenden von Gläubigen, verläuft durch alle wichtigen Strassen der Stadt – insgesamt ein 5-Kilometer-Marsch. Noch viel mehr Zuschauer stehen an den Strassenrändern, um das kleine Heiligenbildnis zu sehen, wenn es vorübergetragen wird.

Der „Círio“, wie das Fest in Kurzform genannt wird, beschäftigt die Bevölkerung von Belém und der näheren Umgegend schon lange Zeit vorher und auch noch nachher. Das Fest selbst dauert an die zwei Wochen. Am Tag vor der Stadt-Prozession, dem Samstag, wird die kleine Heiligenfigur in einer Art Schiffs-Prozession aus der kleinen Wallfahrtskapelle des Ortes „Icoaraci“ abgeholt und, für all die vielen Gläubigen auf den Hunderten von geschmückten Begleitbooten gut sichtbar, unter Sirenengedröhn und Feuerwerk, nach Belém transportiert, wo sie in der Kathedrale übernachtet.

Schon eine Woche vorher kommen Pilger aus allen Teilen des Staates und sogar anderen Teilen Brasiliens in Belém an – per Boot, Bus, Flugzeug oder im eigenen Auto – viele bringen ihre eigenen Zutaten für das traditionelle „Círio-Mittagessen“ gleich mit.   

Legendärer Hintergrund ist folgende, aus dem Jahr 1700 datierende, Geschichte: der „Caboclo“ Plácido José de Souza fand ein Mutter-Gottes-Bildnis, aus Holz, zwischen den Steinen des Baches „Morocutu“, im Regenwald der Umgebung von Belém und nahm es mit nach Hause, wo er es in einer Ecke seines einzigen Raumes aufstellte. Nachbarn kamen herbei, um den kostbaren Fund zu bewundern und der Heiligen zu huldigen.

Eines Tages war das Bild plötzlich verschwunden. José fand es schliesslich zwischen den Steinen desselben Baches wieder und kehrte mit ihm in sein Haus zurück – am nächsten Tag war es wieder weg – und er fand es erneut an derselben Stelle des Baches. Nunmehr begab er sich in den Regierungspalast, wo man das Bildnis in der Palastkapelle, unter Bewachung, aufstellte. Am nächsten Morgen war es nicht mehr da – wieder fand man es auf den Steinen im Bach. Um dem anscheinenden Wunsch der Heiligen zu entsprechen, baute man an derselben Stelle eine Wallfahrtskapelle, die von da an das kleine Bildnis beherbergte und Pilger aus allen Teilen des Landes anzog.

Unzählige Wunder werden der „Jungfrau von Nazareth“ zugeschrieben. Zum Beispiel die Errettung des „Dom Fuas Roupinho“, eines Adligen, dessen Pferd plötzlich durchging und auf einen tiefen Abgrund zuraste. Verzweifelt rief er die „Jungfrau“ um Hilfe an – im selben Moment hielt das Pferd vor dem Abgrund an. Oder die Geschichte mit den Passagieren des Schiffes „João Batista“, welches im Jahr 1846 Belém in Richtung Portugal verlassen hatte: es lief auf ein Riff und ging unter – aber alle Passagiere wurden durch ein regionales Boot gerettet und nach Belém zurückgebracht. Es stellte sich heraus, dass die „João Batista“ Jahre zuvor das Bildnis der „Jungfrau von Nazareth“ nach Lissabon, zur Restauration, transportiert hatte – während das besagte regionale Boot damals benutzt worden war, um die „Jungfrau“ von der auf Reede legenden „João Batista“ wieder zurück nach Belém zu bringen. Seit dem Jahr 1885 nimmt das besagte regionale Boot an der „Círio-Prozession“ teil.

Im Jahre 1805, als die „Círio-Prozession“ schon mehr als 100 Jahre alt geworden war, hat man auf Wunsch der Königin Maria I von Portugal einen Wagen in den Umzug mitaufgenommen, in dem von nun an die Heiligenfigur transportiert wurde – anstatt im Schoss des Bischofs zu defilieren. Ausserdem konnten mit diesem Wagen nun die vielen Devotionalien (Exvotos)  der Gläubigen – Dankopfer an die Heilige für eine geheilte Krankheit (in Form eines aus Holz nachgebildeten Körperteils, in dem sich die Krankheit festgesetzt hatte), eine Errettung aus Seenot (in dem Fall vielleicht die Nachbildung eines Bootes) oder der gelungene Erwerb eines neuen Hauses (das man, „en Miniature“, ebenfalls der Heiligen opferte). Für all diese zahllosen Gegenstände war der Wagen ein Segen.