Eingeborene Bevölkerung im Bundesstaat Amapá

Veröffentlicht am 10. Oktober 2009

Amapá ist der erste brasilianische Bundesstaat, in dem alle den Indianern zugesprochenen Ländereien endgültig abgesteckt und gesetzlich verankert sind. In den beiden grössten Reservaten, die 8,6% des gesamten Bundesstaates ausmachen, leben die Stämme von Galibi, Karipuna, Palikur, Waiapi und Galibi-Marworno.

Diese Indianer leben aber nicht mehr isoliert. Sie erhalten von der Regierung eine regelmässige Gesundheitskontrolle und Fürsorge und man macht sie mit neuen wirtschaftlichen Alternativen bekannt, mit denen sie innerhalb ihrer angestammten Umwelt ihren Lebensstandard verbessern können.

Trotzdem wird auch die ihnen eigene Lebensart von staatlicher Seite respektiert – niemals greifen die Behörden deshalb in die besondere Kultur und die unterschiedliche Lebensweise dieser Ethnien ein. Ein gutes Beispiel für diesen Kompromiss ist die „zweisprachige Schule“, in der die Indianerkinder erst einmal ihre Originalsprache lernen, um die Tradition ihrer Sitten und Gebräuche, ihrer Kunst und ihrer Musik fortführen zu können.

Das Bemühen der Indianer, ihr Land, auf dem sie leben und ihre Kultur zu verteidigen, hat so genannte GNO’s auf den Plan gerufen: ausländische Regierungen, wie z.B. die der Bundesrepublik Deutschland und sogar bekannte Persönlichkeiten wie: Danielle Mitterrand, die Witwe des französischen Ex-Präsidenten, selbst Präsidentin der Gesellschaft „France Libertés“, besuchte Amapá im April 1996. Ausser ihrem Angebot der politischen Unterstützung, verurteilte sie scharf ein Dekret der brasilianischen Regierung, nach dem demarkierte Reservatsgrenzen der Indianer von Seiten irgendwelcher Spekulanten angefochten werden können.

Im Wesentlichen gibt es in Amapá 4 verschiedene Indianergebiete:

Das Reservat Uaça, 470.164 ha
Mit 18 Dörfern, darunter 3.143 Galibi, Palikur, Karipuna und Galibi-Marworno-Indianer.

Das Reservat Galibi, 6.689 ha
Mit 2 Dörfern, bestehend aus 121 Galibi-Indianern.

Das Reservat Juminã, 41.601 ha
Mit 2 Dörfern, bestehend aus 121 Galibi-Marworno und Karipuna-Indianern.

Das Reservat Waiãpi, 573.000 ha
Mit 5 Dörfern, bestehend aus 411 Waiãpi-Indianern.

GALIBI-MARWORNO
Das Wort „Galibi“ bezeichnete einst Indianerstämme, welche in der Küstenregion von Französisch Guyana ansässig waren. Heute findet man in Amapá nur 3 ihrer Dörfer. Ihre Originalsprache, Karib, wurde durch „Patoá“ ersetzt, dem „Kreolisch-Französisch“ aus Guyana und durch Portugiesisch, welches die meisten der erwachsenen Männer inzwischen beherrschen.

Wie die Palikur, bestimmen auch die Galibi ihren Häuptling in direkter Wahl. Sie leben von der Landwirtschaft, deren Hauptprodukt den Maniok darstellt, auch von der Jagd und dem Fischfang. Alles was sie selbst nicht verbrauchen, verkaufen sie oder tauschen es ein. Sie haben eine eigene kleine Bootswerft entwickelt, mit der sie Boote und Kanus für die gesamte Region produzieren. Die Landesregierung sorgt für ihre Gesundheit und unterhält für sie jene Zweisprachen-Schule.

GALIBI DO OIAPOQUE
Diese Gemeinschaft lebte ursprünglich in Französisch Guyana. Ein von Natur aus recht kriegerisch veranlagtes Volk – im 17. Jahrhundert kämpften sie ständig gegen die Palikur und die Franzosen. Mit der Ankunft der Jesuiten, im 18. Jahrhundert, bildeten sie die grösste Eingeborenengruppe innerhalb der Missionen. In Brasilien lebt gegenwärtig nur noch eine einzige Gruppe, die um 1950 von Guyana herüberwechselte. Diese Menschen leben von der Jagd und dem Fischfang, und als zusätzliche Einnahmequelle bieten sie ihre landwirtschaftlichen Produkte feil.

Alle ihre Dörfer haben Schulen, die vom Staat eingerichtet wurden. Die Männer sind ebenfalls sehr geschickt in der Konstruktion von Kanus und Booten. In der Nähe der Reservation befindet sich die Stadt Oiapoque – gelegen an Brasiliens äusserster Nordspitze, ist sie die erste Stadt, die von einem indianischen Bürgermeister geleitet wird.

JUMINÃ
Die Geschichte dieses Stammes wurde von stetigen Wanderungen bestimmt. Zuerst waren sie in der Ebene des Rio Uaça ansässig – von wo sie stammen – dann wechselten sie nach Französisch Guyana hinüber. Schliesslich, gegen Ende der 80er Jahre, mit der Demarkation ihres Reservats und der Ausweisung aller Nichtindianer, fingen sie endlich an sesshaft zu werden. Zwei ihrer Dorfgemeinschaften finden sich in Amapá: Juminã, mit einigen Mitgliedern der Karipuna und der Galibi-Marworno, mit denen sie zusammenleben.

KARIPUNA
Dieser Stamm bezeichnet sich selbst als katholisch, hält aber fest an seinen traditionellen Festen. Der „Turé“ zum Beispiel besteht aus rein indianischen Riten, welche sich in Tanz und Gesang in ihrer Originalsprache „Maruana“ ausdrücken. Sie verkaufen landwirtschaftliche Produkte, wie Zitrusfrüchte, Kaffee, Maniok, Bananen und Zuckerrohr. Jagd und Fischfang betreiben sie nur zur Selbstversorgung. Die Abwanderung hat zugenommen, bedingt durch ihr Bevölkerungswachstum. Im Allgemeinen bleiben die Männer aber ihrem angestammten Dorf nur über ein paar Monate fern, während die Frauen in der Regel nicht mehr zurückkommen.

PALIKUR
Dieser Stamm besteht aus einer ungewöhnlichen Mischgesellschaft: Zwischen 1930 und 1940 erreichten schwarze Familien aus Französisch Guyana eines ihrer Dörfer. Heute haben sie sich teilweise mit den Palikur gemischt und ihre Nachkommen verstehen sich selbst als „vom Stamm der Palikur“. Trotzdem haben die Palikur ihre Tradition bewahrt und jeder ihrer Clans wird von Männern geleitet, die aus einer „reinen Palikur-Linie“ hervorgegangen sind. Die Mestizen sind in der Gemeinschaft zu Hause, dürfen aber keine entscheidenden Funktionen übernehmen.

Sie leben sowohl im Bundesstaat Amapá als auch auf der Seite von Französisch Guyana. In Brasilien entlang des Rio Urukaua, einer der Zuflüsse des Rio Uaca, innerhalb des Munizips von Oiapoque. In Französisch Guyana leben sie in Vororten der Städte Cayenne und Saint Georges und an den Ufern des Rio Oiapoque. Unter den drei Ethnien, welche in der Ebene des Rio Uaca leben – den Galibi-Marworno, den Karipuna und den Palikur – sind letztere die einzigen in dieser Region beheimateten Indianer und auch die einzigen, welche sich ihre Originalsprache bewahrt haben. Die Palikur werden schon in historischen Aufzeichnungen von 1513 erwähnt!

Während mehr als drei Jahrhunderten unterhielten die Indianerstämme des nördlichen Amapá intensiven Tauschhandel mit französischen Händlern, was die portugiesische Krone mit Sorgen erfüllte.

Schliesslich rief sie ihre Soldaten zu einer Jagd ohne Pardon auf die Indianer auf, welche man als französische Alliierte identifizieren konnte. Und, obwohl die Palikur ebenfalls als „amis de Français“ identifiziert wurden, gelang es ihnen, jene wahnwitzigen Verfolgungen zu überleben.

Heutzutage sind die Palikur, in ihrer Mehrzahl, evangelisiert – protestantische Missionare haben sie, Ende der 40er Jahre, mit ihrem Glauben bekannt gemacht – und deshalb veranstalten sie ihre traditionellen Feste „Turé“ oder „Tambor“ heute nicht mehr.

Wie die anderen Ethnien in der Ebene des Uaca, leben sie von der Jagd, dem Fischfang und dem Verkauf von Maniokmehl in den Orten Oiapoque, Cayenne und Saint Georges.

WAIAPI
Sie zogen sich vor der Katechisierung der Jesuiten, im 17. Jahrhundert, aus ihren angestammten Gebieten um den unteren Rio Xingú (Bundesstaat Pará) in die Wälder um die Flüsse Oiapoque, Jarí und Amapari, im äussersten Norden Brasiliens zurück. Fast wurden sie durch Zusammenstösse mit Gummisammlern im Anfang des 20. Jahrhunderts ausgerottet. In den 70er Jahren dann das gleiche Problem mit Goldsuchern, die in ihr Gebiet eindrangen, als die „Perimetral Norte“ – eine parallel zum Amazonas verlaufende nördliche Piste in den Regenwald getrieben wurde. In den 80er Jahren gelang es den Indianern, die Goldsucher endlich zu vertreiben und seither haben sie an den Grenzen zu ihrem Reservat Wachposten aufgestellt.

Allerdings haben sie von den Eindringlingen gelernt, wie man Gold aus dem Flusssand waschen kann, aber sie benutzen dazu kein die Natur vergiftendes Quecksilber, wie die weissen Goldwäscher und die von ihnen durchsuchten Areale werden nicht als tote Löcher zurückgelassen, sondern in Pflanzungen mit Fruchtbäumen umgewandelt!

Heute sind sie auf 488 Individuen geschrumpft, die sich auf 12 Dörfer verteilt haben. Ihr Reservat wurde 1996 endgültig abgesteckt und gesetzlich garantiert, während eines Experiments ohne Beispiel, in dem man diese Indianer, mit ihrem angeborenen naturschützenden Verhalten, offiziell als permanente Bewacher dieses Stück Landes einsetzte. Das Projekt wurde koordiniert von einer GNO und von der Bundesrepublik Deutschland finanziert.

DER INDIANISCHE BÜRGERMEISTER
„João Neves“ hat schon als Kind das Gewicht der Vorurteile kennen gelernt, als er sein Dorf hinter sich liess, um in der Stadt zu studieren. Erwachsen, entschloss er sich, in die Politik zu gehen, um so mit mehr Effizienz für die Rechte seiner eingeborenen Brüder und Schwestern eintreten zu können. Nach einem Mandat als Landtagsabgeordneter, wurde er im Oktober 1996 als Kandidat für das Bürgermeisteramt der Stadt Oiapoque aufgestellt und gewann die Wahl.

Er fürchtet sich nicht vor dieser Herausforderung. Und weiss, dass selbst in einer Stadt, in der die Hälfte ihrer Bewohner Indianer sind, er mit der weissen Bevölkerung viele Probleme bekommen wird. Und um wieder einmal der Vorurteile Herr zu werden, wendet der neue Mann im Stadtrat ein altes Indianer-Rezept an: jede Entscheidung muss von einer Mehrheit akzeptiert werden.

Die wirtschaftliche Basis des Distrikts ist die Landwirtschaft. Hier erhofft sich João Neves einen wichtigen Beitrag der Indianer, die den Weissen die Technik der „zirkulierenden Bepflanzung“ beibringen sollen:

Die Indianer pflegen nämlich in unterschiedlichen Zeitabschnitten und an unterschiedlichen Stellen auszusäen, um eine Ernte während des ganzen Jahres zu garantieren und um dem Boden Zeit zur Nährstofferneuerung zu geben.

Der indianische Bürgermeister hat übrigens auch vor, mit internationalen Institutionen und Organisationen Vereinbarungen zu treffen, um so Unterstützung für sein Land zu bekommen.

SPORTLICHE WETTKÄMPFE
Mit den so genannten „Indianischen Spielen“ beabsichtigen die Veranstalter der „Staatlichen Organisation für Sport und Freizeit“ das sportliche Interesse der indianischen Bevölkerung zu entwickeln, ohne dabei in die den Indianern eigenen Sitten und Gebräuche eingreifen zu wollen. Diese Initiative, so scheint es, wurde sehr gut aufgenommen. An den „Zweiten Indianischen Spielen“, im September 1996, nahmen mehr als 1.000 Indianer, aus 11 verschiedenen Dörfern, teil.

Die Wettkämpfe bestanden aus 6 unterschiedlichen Disziplinen: „Fussball, Schwimmen, Leichtathletik“. An diesen drei Disziplinen beteiligten sich sowohl männliche als auch weibliche Teams. Die Disziplin „Kanufahren“ wurde von einem gemischten Team bestritten, und die Disziplinen „Fischen“ und „Bogenschiessen“ wurden nur von Männern bestritten. Es wurden Gold-, Silber- und Bronzemedaillen vergeben.

INDIANISCHE SCHULEN
Die ersten Test-Schulen wurden in den 60er Jahren bereits eingerichtet, aber sie hatten lediglich eine Aufgabe: die Indianer in die brasilianische Zivilisationsgesellschaft zu integrieren.

Heute zeigt das in Amapá implantierte moderne Schulmodell genau in die konträre Richtung: die indianische Kultur kommt an erster Stelle. Die Kinder werden in ihrer Originalsprache alphabetisiert. Erst danach lernen sie auch Portugiesisch. Der Kalender respektiert die kulturellen Aktivitäten eines jeden Volkes und das didaktische Material berücksichtigt ebenfalls die unterschiedliche Kultur eines jeden Stammes.

Es werden Lehrer speziell für diesen Unterricht der Eingeborenen ausgebildet und die Nichtindianer unter diesen Lehrern erhalten ein besonderes Training, um das Leben dieser Gemeinschaften verstehen und respektieren zu können. Auf diese Weise wird das Wissen der Indianer weiter vermittelt und in den Lernprozess integriert.

In den städtischen Schulen werden die Kinder sowohl in den Volksschulen als auch in den Gymnasien – zwischen dem 6. und 14. Lebensjahr – mit Informationen über die Indianer versorgt, um so ihre besondere Lebensart zu respektieren.