Das Heilpflanzen-Zentrum

Veröffentlicht am 10. Oktober 2009

Nirgendwo sonst auf der Welt finden sich so viele verschiedene Arten von Heilpflanzen, wie im Amazonasgebiet. Vor langer Zeit schon haben die Indianer, als die Ureinwohner des Regenwaldes, gelernt, dieses von der Natur geschaffene Laboratorium zu nutzen, um sie zur Ersten Hilfe bei Jagdunfällen einzusetzen und ihre wenigen Krankheiten zu heilen – diese Kenntnisse wurden dann von den emigrierten weissen Einwanderern noch erweitert und bekamen ihren festen Platz in der einheimischen Volksweisheit.

Das „Centro de Plantas Medicinais“, innerhalb des IEPA, untersucht das wissenschaftliche Potential der Pflanzen und – wenn bewiesen – werden aus ihnen Naturheilmittel entwickelt, die ohne Synthetisierung im Laboratorium auskommen. Das Zentrum entwickelt auch Projekte zur Anlegung von privaten Kräutergärten – auch in Schulen und Wohngemeinschaften – und die Museen „Waldemiro Gomes“ und „Costa Lima“ dokumentieren und veröffentlichen die entsprechenden Ergebnisse dieser Arbeiten. Das öffentliche Gesundheitssystem und auch die freiberuflichen Ärzte akzeptieren inzwischen jene Naturheilmittel als therapeutische Alternativen und sogar die Arbeit eines „Dr. Sacaca“, der im Alter von 70 Jahren nur Naturheilmittel verschreibt, wird weitgehend respektiert.

„DR. SACACA“
In Macapá ist „Raimundo dos Santos Souza“ ein illustrer Unbekannter. Aber wenn man nach dem „Doutor Sacaca“ fragt, kennt ihn jeder Strassenjunge! In der lokalen Indianersprache bedeutet SACACA „König des Waldes“ und wenn man diesen ansehnlichen und gesunden älteren Herrn ein bisschen näher kennen gelernt hat, versteht man, wie gut dieser Beiname auf ihn passt: er behandelt alle kranken Menschen, die sich an ihn wenden, mit Kräutern und Pflanzenextrakten des Regenwaldes – gratis!

Dieser Sohn eines Holzfällers wurde im Regenwald geboren und hat sich von Kindesbeinen an mit seinen Geheimnissen vertraut gemacht. Erst durch die Indianer und später durch den französischen gelehrten Paul le Coint, der besonders die Flora Amazoniens studierte und dem Raimundo assistierte. So lernte er auch die verschiedenen Pflanzen zur Heilung von Krankheiten zu kombinieren. Beweise? Er zögert kein bisschen und zitiert, unter anderem, den Fall seiner eigenen Mutter, die er von einem Brustkrebs geheilt hat, mit einer Mischung aus „Anani-Milch, Copaíba-ÖL und der Rinde vom Cajú Azedo“. Sie lebt noch heute gesund, mit ihren 100 Jahren!

Dieser „Herr des Waldes“ stellt Mixturen in Fläschchen zusammen und sagt, dass mit den Extrakten aus Rinden, Blättern und Wurzeln der Pflanzen – besonders der brasilianischen – die Heilung irgendeiner der Krankheit möglich ist. Und wenn man bedenkt, dass die Wissenschaft bisher nicht einmal 5% der aktiven Wirkungsprinzipien jener tropischen Pflanzenvielfalt kennt, sollte man sich vorerst einmal hüten, an den Worten des „Dr. Sacaca“ zu zweifeln.

DIE „MOBILE JUSTIZ“
Das Justiz-Ministerium in Amapá hat ein einfaches, schnelles und sehr effizientes System entwickelt, kleine Probleme und Streitfälle innerhalb der Bevölkerung zu lösen: anstatt auf das Erscheinen des Bürgers vor Gericht zu warten, kommt das Gericht zum Bürger, um ihm zu seinem Recht zu verhelfen.

Diese Einrichtung kommt besonders der isoliert lebenden Landbevölkerung zugute. In der jeweils ersten Woche jeden Monats reist die „Justiça Fluvial“ (das Flussgericht) mit einem regional-typischen Hausboot den Amazonas aufwärts – bis zum Bailique-Archipel – um Recht zu sprechen. Ein Richter und ein Staatsanwalt, begleitet von einem Sanitäter, der Erste Hilfe leistet, besuchen sie jedes der Anlieger-Dörfer unterwegs. Diese Arbeit wird durch die Kooperation von Präfektur, Regierung, dem Heer, der Marine und anderen Institutionen getragen.

Die „Justiça Terrestre“ (das Landgericht) hat einen Omnibus für diese Zwecke eingerichtet. Er ist mit Computern, zwei Räumen für die Audienzen, Generator für Strom und einer Küche ausgerüstet. Das Gerichts-Team passiert alle Distrikte des Bundesstaates und verfolgt dabei ein vom Zentralgericht in Amapá zusammengestelltes Programm, um eine möglichst grosse Zahl von Bürgern zu erreichen.

Auch in der Stadt Macapá selbst steht die so genannte „Mobile Justiz“ dem Bürger zur Verfügung. Allerdings nur bei leichteren Verkehrsunfällen ohne Verletzte: in diesem Fall kann man das Team, einen Richter, zwei Beisitzer und einen Militärpolizisten, per Telefon zur Unfallstelle beizitieren.

DIE TRADITION DER HEBAMMEN
Es gehört seit eh und je zum Alltag der Waldbewohner, sich zur Geburt ihrer Kinder an eine der traditionellen Geburtshelferinnen in ihrer Gegend um Rat und Beistand zu wenden. Diese Frauen gehören in der Regel derselben sozialen Klasse an, wie sie selbst, ihr Alter bewegt sich zwischen 20 und 89 Jahren, und oft wohnen sie an schwer zugänglichen Orten, in denen sie ihre lobenswerten Dienste zur menschlichen Fortpflanzung zur Verfügung stellen.

Die Regierung des Bundesstaates Amapá hat ein Projekt zur Eingliederung und Anerkennung der traditionellen Arbeit jener Volks-Hebammen entwickelt und ein erster offizieller Kontakt mit ihnen fand im November 1995 anlässlich einer Versammlung im Regierungspalast in Macapá statt. Die zu diesem Meeting eingeladenen Hebammen machten ihrer Sorge Luft, als „illegal arbeitende Hebammen“ von der Regierung diskriminiert und vielleicht sogar arrestiert zu werden.

Nachdem damit das Problem beim Namen genannt war, schlugen die Anwesenden eine zukünftige Arbeitsgemeinschaft zwischen Hebammen und Regierung vor und später gesellte sich dazu noch ein internationaler Verbündeter, die UNICEF.

Ziel der Regierung ist es nun, das anerkannte Netz der staatlichen Hebammen zu stärken, indem sie nötiges Informationsmaterial über die „Kunst der Geburtshilfe“ herausgibt und bis in die äussersten Winkel des Staates verteilt, indem sie alle eingeschriebenen Hebammen auf ihre Praktiken überprüft und indem sie für Neuanwärterinnen Kurse ausschreibt, die, unter anderem, folgende Themen beinhalten: männliche und weibliche Fortpflanzungsorgane, Schwangerschaft, Methoden zur Empfängnisverhütung, DST/AIDS, Impfung und Stillung des Babys.

Nächstes Vorhaben: die Hebammen zur Teilnahme an den städtischen und staatlichen Gesundheits-Symposien zu bewegen und ihnen für jede assistierte Geburt von der staatlichen Krankenkasse ein Entgelt zu sichern.